Das besondere Wort: Gedanken (Dumme Gedanken)

In der Reihe das besondere Wort in Buchzitaten:

Gedanken


Wie sich denken lässt, wunderte ich mich und fragte mich
zuerst, warum geniert sie sich nicht, und ich verstand, dass
sie sich sehr wohl genierte, aber so viele Frauen und auch
einige Männer liefen unbekleidet durch den Sand oder lagen
auf Handtüchern, dass wir uns in unserer mitgebrachten
jahrelangen, jahrzehntelangen, lebenslangen Zugeknöpftheit
miteins geradezu lächerlich vorkamen und uns ebenfalls auszogen
nebeneinander, auch wenn wir uns nicht kannten.

Im Nachhinein, und ich greife jetzt vor, erkenne ich ihre Absicht,
als sie mich gewissermaßen dazu aufforderte, sie nackt
zu fotografieren, als sei es das Natürlichste von der Welt, was
es zwar durchaus nicht ist, unserer Geschichte aber vor allem
nicht entsprach in diesem Moment, und ich beeilte mich auch
gleich, nachzufragen, ob sie das nackt Fotografiertwerden für
eine Selbstverständlichkeit halte, in diesem Moment noch
nicht ahnend, dass ich zu Unrecht auf die Speicherfähigkeit
meines zu diesem Zweck erst gekauften Mediums setzte. Sich
einem fremden Mann an einem Nacktbadestrand zu zeigen,
ist ja das eine, dachte ich. Aber ihn die eigene Nacktheit sogar
digital abspeichern zu lassen ist etwas anderes, dachte ich zu
diesem Zeitpunkt, als ich noch annahm, Maries Körper auf
meiner Speicherkarte konserviert zu haben. Einen vielleicht
nicht mehr wildfremden aber doch fremden Mann auf den
Auslöser drücken zu lassen, wenn man völlig unbekleidet
neben ihm am Strand spaziert, ist schon stark, dachte ich am
Strand neben Marie. Das setzt ein Vertrauen voraus, dessen
ich mich noch nicht hatte würdig erweisen können, und das
sagte ich ihr auch. Ich bekam die mich zunächst verblüffende,
im selben Moment aber auch beglückende Antwort, ich sei der
erste, der sie dergestalt unbekleidet am Strande laufend und
überhaupt unbekleidet sähe, noch nie habe sie sich in der Öffentlichkeit
ausgezogen, noch nie sei sie an einem FKK-Strand
gewesen, und sie äußerte mehrere Male, wie beglückend sie es
empfände, mir und der Welt, der Welt und mir, so sie wörtlich,
unverrichteter Dinge splitternackt gegenüberzutreten.

Hätte ich in diesem Moment bereits gewusst, was mir die
geliebte Frau später anvertraute, hätte ich es nicht ausgehalten
vor Ergriffenheit und Lust, da bin ich sicher. Das mir von ihr
jedoch erst später Anvertraute veränderte meine Haltung ihr
sowie auch mir selbst gegenüber radikal. Alles sie Betreffende
und alles mich Betreffende sehe ich jetzt wie mit neuen Augen,
aber das ist bereits ein Vorgriff und gehört nicht hierher. Es
war Marie, die ihren Arm um mich legte, wie man seinen Vater
umarmt, den man durch den Park führt. Auch ich legte meinen
Arm um sie und berührte dadurch unweigerlich ihre linke
Brust, was gar nicht meine Absicht gewesen war zunächst, mir
aber ungeheuer gefiel. Mehrere Minuten spazierten wir wortlos
in der beschriebenen Umarmung, und ich fühlte mich von
ihrer linken Brust beschenkt, sie gab mir das Gefühl eines ein
Gnadenbrot Erhaltenden, und ich fragte mich, ob es tatsächlich
spontane Zuneigung ihrerseits oder vielmehr Mitleid war,
was mir diese ersterlebte Brustbefassung ermöglichte. Wie
gesagt hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch ein Tochter-Vater-
Gefühl bei uns beiden. Ich war der alte Vater, dem die Tochter
erlaubt, durch den Park zu spazieren. Dem sie es erlaubt, ihre
Brust zu berühren, vielleicht weil sie spürt, dass der arme, alte
Mann ja noch nichts erlebt hat. Ist es Zuneigung oder ist es
Mitleid, das fragte ich mich in einem fort und hätte diese meine
Gedanken beinahe laut ausgesprochen. Stattdessen sagte ich,
und es entsprach auch den Tatsachen, dass mir mein rechter
Arm allmählich erlahmte, denn er trug sowohl ihre als auch
meine gesamte Kleidung, die wir ja nicht auf einem Handtuch
zurücklassen konnten wie viele andere Nackte am Strand, da
wir keines bei uns hatten und unsere Entkleidung eine nicht
geplante, sondern völlig spontane gewesen war: Marie hatte
unsere Sachen geschickt zu einem griffigen Bündel verknäult;
selbstredend verstand sie mich sofort und wechselte hinter
meinem Rücken auf die rechte Seite herüber und ich ließ das
Bündel von meiner Rechten in meine Linke wandern. Alsbald
ruhte meine Rechte auf ihrer Brust, jetzt aber ihrer rechten, die
ich zwar schon bestaunt, jedoch nicht berührt hatte bislang.
So fühlen sie sich also an, dachte ich, und in einem Anflug von
Offenbarungslust sagte ich dann laut „so fühlen sie sich also
an, diese Brüste! Beglückend!“ Nichtsdestotrotz grübelte ich
noch immer darüber nach, ob mir diese Beglückung aus Gründen
der Zuneigung oder aus purem Mitleid, Mitleid mit einem
alten Zukurzgekommenen, zuteil geworden war, aus Zuneigung
oder aus Mitleid mit einem sexuell Zukurzgekommenen, aber
das wusste Marie ja noch nicht. „Alles ist gut jetzt“, sagte die
von mir wahrscheinlich schon geliebte und zumindest bereits
an der Brust gefasste Frau, weniger zu mir, so kam es mir vor,
denn zu sich selbst, und es klang weder abgedroschen noch
verkitscht, es war schlicht und ergreifend die Wahrheit. Dieses
Alles-ist-gut-jetzt nährte zwar meine Mitleidbefürchtung, aber
doch stimmte es, es war alles gut jetzt. „Dass wir jetzt hier
sind“, sagte die von mir minütlich mehr Geliebte, „dass wir
jetzt hier sind und hier miteinander spazieren, ist ein Glück,
finden Sie nicht auch?“ Sie sprach von Glück, dabei klang ihre
Stimme plötzlich traurig. Das erschien mir bemerkenswert;
hinter diesen Worten lauerte Leid, und ich wollte in diesem
herrlichen Augenblick an nichts denken, das mit Leid zu tun
hatte, und ich verhielt mich, als hätte ich Maries Traurigkeit
nicht bemerkt.


Das besondere Wort Gedanken kommt in dem Roman Dumme Gedanken von Christian Oelemann 54 mal vor.


Die schwarze Witwe