Das besondere Wort: Leben (Das Flüstern der Ahnen)

In der Reihe das besondere Wort in Buchzitaten:

Leben


Aber das Zusammentreffen von Römern und Einheimischen war nicht überall von negativen Erfahrungen geprägt. Weiter unten im Süden des großen Landes, wo sich die meisten der befestigten Lager befanden, hatten sich nahebei Dörfer gebildet, deren Einwohner einen schwunghaften Handel mit den Römern trieben und so auch ihren eigenen Reichtum vermehrten. So mancher ehrenhaft aus der Legion entlassene Römer nahm sich sogar eine Einheimische zur Frau und gründete an Ort und Stelle eine Familie. In diesen Orten gab es sogar Häuser, die aus Stein gebaut waren und in denen die Römer ihre Götter verehrten. Auch lebten die römischen Besatzer und die einheimische Bevölkerung dort in friedlicher Koexistenz mit- und nebeneinander. Die Kunde von diesen Orten war bis hoch in den Norden auch in Thorbalds Dorf gelangt, denn die fahrenden Händler, die schöne Stoffe und Schmuckstücke mit sich führten, an denen vor allem die Frauen Gefallen fanden, wussten so einiges über das Leben in diesen großen Dörfern zu erzählen. Über die langanhaltenden Feste dort, die Fröhlichkeit der Menschen, die warmen Winter und noch wärmeren Sommer, in denen sogar hier unbekannte Früchte wuchsen, die die Römer zu einem Getränk vergoren, das eine ähnlich berauschende Wirkung hatte wie das Bier, und welches ‚Wein‘ genannt wurde. Thorbald und die Seinen lauschten gerne den Erzählungen, hielten aber vieles davon für übertrieben, so fremd und fantastisch kamen ihnen oft die bunten Bilder vor, die die Händler mit Worten vor ihrem geistigen Auge entstehen ließen.

Auch jetzt stand wieder der Wagen eines Händlers in Thorbalds Hof. Der Händler selbst war herabgestiegen und ließ sich, umringt von einer Kinderschar und ein paar Erwachsenen, zu den tollsten Erzählungen hinreißen. Auf Thorbalds Hof wurde das Gebot der Gastfreundschaft noch eingehalten und so hatte man dem Reisenden Speis und Trank gereicht. Vor sich hatte er einige der schönen Dinge ausgebreitet, die er mitgebracht hatte und gegen lokale Handelsgüter einzutauschen gedachte. Da lagen bunte Stoffe, Schalen und Töpfe aus rotem Ton, kleine, tönerne Phiolen mit Parfümölen, Amphoren mit Olivenöl und Wein, kleine Tontöpfchen mit duftenden Gewürzen, silberne und goldene Armreifen und Ringe, Ketten mit bunten Glasperlen und gläserne Gefäße, wie sie die Menschen hier noch nie zuvor gesehen hatten. Alruna, die mit ihrer Mutter und Irmingard zusammen nähergetreten war, betrachtete staunend diese fremde Warenwelt. Eine Kette mit blauen Glasperlen hatte es dem Mädchen besonders angetan und bittend blickte sie zu ihrer Mutter auf. Heidruna prüfte gerade die feingewebten Stoffe und erkundigte sich nach dem Preis für eine Amphore des roten Weines. Diesen kochte sie im Winter zusammen mit verschiedenen Gewürzen zu einem stärkenden Getränk, welches die Kälte aus den Knochen vertrieb und die Lebensgeister weckte. Irmingard überlegte gerade, ob sie einen der roten ‚Terra sigillata‘-Tontöpfe für die Küche erstehen sollte. »Mama, schau doch mal!« Alruna zupfte ihre Mutter am Ärmel und versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf die Glasperlenkette zu lenken. »Ach Kind, ich habe nichts mehr zum Eintauschen. Ich habe gerade eine gewebte Decke gegen dieses schöne grüne Stück Stoff getauscht, aus welchem ich zwei Sommerkleider nähen werde; eins für mich und eins für dich. Und die wenigen Münzen werde ich für den Wein und die Gewürze brauchen.« Sie zeigte Alruna den Stoff, doch diese verzog nur den Mund. Sommerkleider hatte sie doch schon zwei, wozu brauchte sie denn noch ein weiteres? Schmuck wollte sie haben, denn sie war doch schon fast groß. Im Winter wurde sie bereits elf. In diesem Moment tauchte Thorbald auf, jauchzend begrüßt von Alruna: »Großvater, sieh doch mal die schöne Kette dort!« Thorbald lächelte. Er konnte seiner Enkeltochter kaum einen Wunsch abschlagen und so tauschte er wenig später das Fell eines jungen Wolfes gegen eine Kette mit blauen Glasperlen ein. Viele Waren, auf einheimischer Seite hauptsächlich gewebte Wollstoffe und Felle, aber auch geschmiedete Waffen und der von Stränden weiter nordöstlich stammende und sehr begehrte Bernstein, wechselten an diesem Tag den Besitzer. Auch römisches Münzgeld wanderte von Hand zu Hand und auf beiden Seiten war man davon überzeugt, ein gutes Geschäft gemacht zu haben.


Das besondere Wort Leben kommt in dem historischen Roman Das Flüstern der Ahnen von Varuna Holzapfel 66 mal vor.


Das Flüstern der Ahnen