Das besondere Wort: Leben (Nebelkerze)

In der Reihe das besondere Wort in Buchzitaten:

Leben


Ich sehe mich um und ertappe mich bei der Frage, ob sie tatsächlich verheiratet sind. In einem Jahr kann sich vieles verändern. Vor allem wenn der Kontakt nicht mehr gepflegt wird.
Hayden hat mir mein Leben geraubt.
Vielleicht hat David wirklich geheiratet. Aber ich merke soeben, dass der, der in diesem Jahr die größten Veränderungen durchgemacht hat – ich selbst bin.
So viele Dinge sind mir während unserer Beziehung abhandengekommen. Der Überblick. Meine gewohnten Kontakte. Meine Kondition. Der Spaß an meiner Arbeit. Und sogar der Spaß am Sex.
Voller Neid blicke ich zurück zu David und erwische ihn dabei, wie er der schwarzhaarigen Artistin etwas zuflüstert. Sie hebt zwischendurch ihren Kopf und sieht über seine Schulter zu mir hinüber.
Der Typ will mich doch nicht verkuppeln?
Ich bin entsetzt. Womöglich auch nur deshalb, weil ich in ihrem Blick weder Interesse noch Abneigung erkennen kann. Sondern …
„Eigenartig“, denke ich mir.
Ein kalter Schauer kriecht mir den Rücken hinab und das nicht, weil mich Hayden an ebendiesem streichelt. Mir scheint, als würde mich die dunkelhaarige Artistin bedauern. Wenn nicht sogar um mich sorgen.
Anscheinend trage ich meinen Frust auf der Stirn geschrieben.

„Ich wusste, dass es dir gefallen wird“, säuselt mir Hayden ins Ohr und ich versuche mir die Gänsehaut nicht anmerken zu lassen. „Ich hab mir so ein Tuch besorgt.“
Sie schlägt ihre kräftig geschminkten Wimpern zusammen und deutet zu den Tüchern, die immer noch von der Decke hängen.
Es sind lange, golden schimmernde Bahnen aus Stoff, welche die drei Frauen nur mit reiner Muskelkraft hinauf- und hinunterkletterten, rutschten, rollten und sich in sie hineinwickelten.
„Jaaa“, stöhne ich und überlege kurz, mein Mich-Widersetzen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.
„Wenn du brav bist, packe ich es noch heute aus.“
Wenn ich brav bin.
Am Anfang unserer Beziehung fand ich dieses Spiel noch amüsant. Es erregte mich sogar und ja, ich gebe zu, hin und wieder kroch ich zu Kreuze und beteuerte, wie brav ich doch sei, nur damit sie mich ranließ. Mittlerweile habe ich seltener Sex als zu Zeiten meiner verdeckten Ermittlungen und Einsätze, die sich unter Umständen mehrere Wochen am Stück fernab meines Wohnortes abspielten.
„Ich glaube, ich habe zu viel von dem Champagner getrunken. Hast du eine Schmerztablette?“
Ich schiebe ihre Hand von meinem Oberarm weg und fasse mir demonstrativ an die Schläfen.
„Ach Nikolas. Du hast mir gerade die Stimmung verdorben.“
„Echt?“, kann ich mir die Freude nicht verkneifen.
Sollte es etwa so leicht werden? Ich traue dem nicht.


Das besondere Wort Leben kommt in dem Krimi Nebelkerze von Zoe Zander 44 mal vor.


Nebelkerze