Das besondere Wort: Medizin (Himmelsstaub – gefangen im Koma)

In der Reihe das besondere Wort in Buchzitaten:

Medizin


Ich habe mir, als das mit der Palliativmedizin aufkam, auch verschiedene
Vorträge zu dem Thema angehört. Obwohl die Grundidee
mit den Netzwerken sicher gut und löblich ist, es ging bei
den Vorträgen immer hauptsächlich um die extrabudgetäre Ver-
gütung. Wer wann, was und wie viel Geld bekommt. Hat mich
dann alles angekotzt und ich wollte da nicht mitmachen. War
doch von vornherein klar, dass sich vor allem solche Raffzähne,
wie die drei vorhin, da besonders engagieren würden.

Viele machen es aber aus Überzeugung, sehr aufopfernd
und für kleines Geld. Das große Geld machen die Oberindianer.
Ich wollte damit nichts zu tun haben und weiterhin meine
Patienten selbst bis zum Tod begleiten. Ich kenne sie doch
am besten. Ich wollte mir auch nicht von solchen Leuten vorschreiben
lassen, wie ich das Sterben verlängern kann. Nein,
das war nicht meine Medizin!

Jeder hat ein Recht auf seinen Tod. Der gehört zum Leben und
sollte in Würde kommen dürfen. So habe ich es gelernt und so
ist meine Überzeugung. Ich hatte das Glück, in meiner Ausbildung
einen humanen Chef, Professor Brücher, einen Grandseigneur
alter Schule, einen Menschen halt, zu haben. Es war eine
internistische Abteilung in meiner Heimatstadt. Hier gab es die
Medizin, die die Leute gesund wieder entlassen konnte und die,
die ihnen ein schmerzfreies Sterben ermöglichte, wenn keine
Hoffnung mehr bestand. Alle Medikamente, die das Sterben verlängert
hätten, wurden abgesetzt, Flüssigkeit wurde verabreicht,
mit Angehörigen gesprochen und rund um die Uhr war jemand
bei den Sterbenden. Das war heilende Medizin, Palliativmedizin
und Hospiz in einem. Alles auf einer Station. Und es war sehr gut!

Heute ist diese Form der Medizin leider nicht mehr weit verbreitet.
Ich kenne aber einige Kollegen, die es noch immer so
handhaben. Für mich selbst wünsche ich mir das auch so.

Bin ich jetzt an diesem Punkt meines Lebens angekommen?
Was aber erwartet mich hier in diesem Haus? Mir schwant
nichts Gutes. Ich bekomme Angst, schreckliche Angst.

Sollte ich wieder gesund werden und meine Praxis führen
können, werde ich jedenfalls meine Medizin, meine Sterbebegleitung
genauso wie bisher weitermachen, ohne Extrahonorar fürs
Sterbenverlängern. Ach, könnte ich doch bald wieder arbeiten!

Meine Gedanken schwirren noch eine Zeit lang durcheinander,
bis sie sich irgendwo im Nirwana verlieren …


Das besondere Wort Medizin kommt in dem Roman Himmelsstaub – gefangen im Koma von Dr. Johannes Sieben 19 mal vor.


Himmelsstaub - gefangen im Koma