Das besondere Wort: Musik (Für Elise – 15 Briefe)

In der Reihe das besondere Wort in Buchzitaten:

Musik


Aber obwohl ich die ganze Nacht wachgelegen und überlegt habe, konnte ich niemanden finden, der meiner reichhaltigen Musiksammlung würdig wäre. Artur natürlich, gewiss, aber Artur macht sich nichts mehr aus Musik. Erst gegen Morgen schlief ich ein und ein Traum weckte mich auf. Ich gebe zu, von Ihnen geträumt zu haben und ich gebe weiter zu, dass dies nicht das erste Mal gewesen ist. Aber dieser Traum war eindeutig der Gipfel der Erotik und ich schäme mich nicht der Lust, die mich nach dem Aufwachen fast quälte. Ich habe beschlossen, diesen Traum als Zeichen anzunehmen, was mir leichtfällt; ich bin in solchen Dingen schnell zu überzeugen. Ich möchte Ihnen meine Musiksammlung schenken.

Sie werden den Kopf schütteln und sagen: »Aber ich kenne Sie ja gar nicht!«, womit Sie bedauerlicherweise recht haben; wir haben uns möglicherweise nicht öfter als zwanzig Mal gesehen, und siebzehn Begegnungen begannen und endeten mit einem zwar freundlichen, aber einsamen »Guten Tag«. Vielleicht haben Sie ja doch bemerkt, wie ich in letzter Zeit versuche mein Lächeln noch weicher zu gestalten, meine Augen leuchten zu lassen, sobald ich Sie sehe. Denn sympathisch sind Sie mir schon lange und ich wollte durch das Lächeln und das Leuchten nur Ihre Aufmerksamkeit erhaschen. Die Sympathie ist längst zu etwas anderem geworden; ich wäre ja dumm, es zu verschweigen. Und dann noch der Traum in der vergangenen Nacht – ja, mein Entschluss steht unumstößlich fest: Sie sollen die Musik bekommen!

Musik ist mein Leben! Ich verdiene mein Geld mit dem Schreiben über Musik. Ich bin, nein, ich war Musikjournalist. Die Zeitung »Musik Heute« war mehr als zwei Dutzend Jahre mein Brötchengeber. In meiner Freizeit höre ich Musik, und zwar überbordend. Ich bin vollgesogen mit Musik. Seit meiner ersten Begegnung mit komponierten Tönen hat mich der Geist der Musik nie verlassen. Ich besuche durchschnittlich zehn Konzerte in einem Monat, wobei von den zehn vier der Klassik zuzuordnen sind. Nach den Konzerten schreibe ich darüber. Außerdem bewerte ich neu erschienene CDs nach einem der Redaktion angenehmen Schema, was meiner Arbeit etwas Lehrerhaftes verleiht. Niemals in meinem Leben wollte ich auch nur in die Nähe des Lehrerberufs kommen, aber es ist nicht mehr zu ändern. Es fällt mir schwer zu glauben, dass mein Berufsleben nun vorbei ist; ich schreibe ja auch noch so, als wäre ich weiterhin bei der Zeitung beschäftigt. Das gibt sich mit der Zeit, und bald ist nichts mehr übrig davon.

Ich werde also über Musik schreiben. Ich werde freiwillig und gerne das tun, von dem ich bis gestern meinen Lebensunterhalt bestritten habe. Ich werde Sie, verehrte Frau Hauff, an einigen wenigen, jedoch immens wichtigen Begebenheiten in meinem Leben teilnehmen lassen. Ich werde die Hoffnung nicht aufgeben, dass Sie auf diese Weise den Stellenwert ermessen können, den Musik in meinem Leben spielt. Außerdem erfahren Sie so ja doch noch einiges über Ihren Nachbarn zur Rechten, so dass Sie nach der Lektüre dieser Seiten nicht mehr sagen können, dass Sie mich ja gar nicht kennen. Da ich nicht weiß, wie weit Sie in das Musikwunderland vorgedrungen sind, werde ich mir musikspezifische Worte verkneifen müssen; es tut auch nichts zur Sache, ob Sie wissen, was eine Triosonate oder ein Te Deum, eine Synkope oder eine verminderte Subdominante ist. Musik begreift man mit dem Gefühl und wenn das fehlt, kann man nichts machen. Aber Sie haben das Gefühl, ich weiß es, ich sehe es an Ihnen.

Meine Musiksammlung besteht aus mehr als dreitausend CDs; ungefähr die Hälfte davon werden zur Klassik gezählt. Die andere Hälfte beinhaltet Musik einer gänzlich anderen Art, ja, der der Klassik exakt Entgegengesetzten: dem Jazz. In der Kollektion sind weiter einhundertachtzig Video-, sowie beinahe fünfhundert Audio-Kassetten vorhanden. Auch diese gehören jeweils nahezu hälftig zu den angesprochenen Musikkategorien.


Das besondere Wort Musik kommt in dem Roman Für Elise – 15 Briefe von Peter Klohs 317 mal vor.


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