Seite 20: Alle Zeit mit ihr

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Es war einmal

Nataschas Entscheidung, für eine lange Zeit keine klassische Zweierbeziehung einzugehen, hatte zweierlei Konsequenzen: Sie ging nicht mehr in die Lesbenszene und wurde trotzdem gejagt von allerlei Frauen, die sie mehr oder weniger zufällig kennenlernte und das ohne den leisesten Hintergedanken. Alle waren sie wie sie selbst attraktive und dynamische lesbische Single-Frauen, die nach folgendem Motto lebten: „Die wahre Herausforderung besteht nicht darin, mit einer begehrten Frau zu schlafen, sondern es nicht mit ihr zu tun und darüber stundenlang am Telefon zu diskutieren.“ In dieser Phase ihres Lebens schien vieles möglich geworden zu sein. Auch heterosexuelle Frauen entdeckten ihre homoerotischen Wünsche, gute Freundinnen verwandelten sich in gelegentliche Liebhaberinnen, ohne dass das irgendwelche Verwicklungen nach sich zog und auch mit einer von ihren Ex-Geliebten war es erstaunlich unkompliziert, gelegentlich in die Kiste zu springen. Als sie Ende dreißig war und die CSD-Paraden immer mehr zum Sommerkarneval mutierten, war das einzige Tabu, mit einer anderen Frau eine monogame Dauerbeziehung eingehen zu wollen und sich gar noch in sie zu verlieben.


Seite 20 aus dem Buch Alle Zeit mit ihr von sara reichelt.
Lies mich sara reichelt