Seite 20: Amra und Amir – Abschiebung in eine unbekannte Heimat

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Aber jetzt war ich achtzehn und alles würde noch viel
besser werden. In einem Jahr war meine Ausbildung zu Ende
und dann stand mir die Welt offen. Kraftfahrzeugmechatronikerinnen
werden überall gebraucht und heute hatten es
auch Frauen nicht mehr so schwer, irgendwo unterzukommen.
Nicht alle Meister waren schließlich so alt und stur wie
Kralle. Aber selbst der sture Bock hatte sich ja verändert und
wir verstanden uns mittlerweile bestens. Ein super Team war
aus uns geworden im Laufe der letzten beiden Jahre und wir
mochten uns auf eine ganz spezielle Art.
Wir waren Meister und Azubine, da konnte er schon
mal so richtig losbrüllen, wenn ich einen halben Tag lang
irgendwo rumgeschraubt hatte und der Fehler dann doch
nicht behoben war. Ich konnte aber auch zu ihm kommen
und mich ausheulen, wenn ich, egal wobei, nicht weiterwusste.
Aber bitte ohne Tränen. „So was will ich in meiner
Werkstatt nicht sehen“, sagte er immer. Ein bisschen wurde
Kralle dann zu meinem Vater. Zu steif und ungelenk, um
mich im Notfall auch mal in den Arm zu nehmen, was mir
sehr entgegenkam. Denn für so was Mädchenhaftes war
ich zu cool. Doch glättete er meine Wogen einfach, indem
er da war, zuhörte und immer einen guten Rat parat hatte.
Ich würde ihn vermissen, wenn ich die Ausbildung beendet
hatte. Aber bis dahin war es ja noch ein gutes Jahr hin und
das Brummen in meinem Kopf holte mich jetzt erst einmal
zurück in die Realität meines 18. Geburtstages.

Das letzte Bier musste schlecht gewesen sein. Ich konnte
mich zwar an alles erinnern – zum Glück; die Vorstellung
verlorener Sequenzen in meinem Leben, in denen
alles und nichts passiert sein konnte, war ein Alptraum
für mich. So weit hatte ich es noch nie kommen lassen.
Aber in meinem Kopf schien nun ein Presslufthammer
zu arbeiten und ich fragte mich verzweifelt, wie der dort
wohl hineingekommen war, und vor allem, wie er wieder
herauskommen sollte.


Seite 20 aus dem Buch Amra und Amir – Abschiebung in eine unbekannte Heimat von Maria Braig.