Seite 20: Arbor – Der Weg des Waldes

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Ihm war allerdings bewusst, dass diese Möglichkeit sich heute zunächst nicht ergeben würde, da er zur Mittagszeit mit den Philharmonikern der Stadt K., zu deren Stammensemble er seit langen Jahren gehörte, im großen Festsaal der städtischen Universität aufzutreten hatte. Anlass war der 125. Geburtstag der dortigen sprach- und literaturwissenschaftlichen Fakultät. Sie hatte zu einem dieser Festakte geladen, bei denen es gewöhnlich zum guten Ton gehörte, auf den Einladungskarten in Fettdruck darauf hinzuweisen, „dass der hochbegabte Pianist und Student X unserer Universität zur musikalischen Untermalung“ spielt. Und dann spielt er drei beliebige und austauschbare Stücke, die nichts miteinander zu tun haben, aus den verschiedensten Epochen der Musikgeschichte stammen und nur den Eindruck erwecken sollen, dass die Herren Professoren und Magnifizenzen sich bestens in den Werken beispielsweise der Wiener Klassik auskennen.
Da es sich aber um einen runden Geburtstag handelte und es auch an hochbegabten Pianisten mangelte, hatte man sich entschlossen, die Philharmoniker zu engagieren sowie zum Zwecke ihrer Bezahlung und im sicheren Bewusstsein, dass dies auf die Zuschauerzahl keinen signifikanten Einfluss haben würde, Eintrittsgeld für den Festakt zu verlangen. Aufgrund dieser Umstände stand Max dem Auftritt seines Orchesters skeptisch gegenüber, da er die Auffassung vertrat, dass ein renommiertes Orchester nicht dazu herhalten sollte, lediglich als ‚musikalische Untermalung‘ zu dienen. Überhaupt sei dieser Ausdruck ganz furchtbar, da man mit Musik nicht malt, sondern ihr lauscht und das im besten Falle hingebungsvoll, andächtig oder zumindest berührt.
Mit dem Erlernen des Geigenspiels hatte er schon mit fünf Jahren angefangen und er hatte es seitdem zu einiger Virtuosität gebracht, da er von frühester Jugend an sehr diszipliniert (manche sagten pedantisch) jeden Tag Geige spielte. Meistens übte er morgens nach dem Aufstehen, oft noch im Nachthemd und ohne Frühstück. Max war gemeinhin weniger an menschlicher Gesellschaft interessiert als an der Gesellschaft von Büchern, Gemälden und Musik.


Seite 20 aus dem Buch Arbor – Der Weg des Waldes von Dominic Benjamin.
Arbor - Der Weg des Waldes