Seite 20: Aus Liebe zum Meer – eine maritime Anthologie

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Ganz deutlich kann man sehen, dass auch Wale ihre Bedürfnisse haben. Und bei diesem stand eindeutig Krill auf dem Speiseplan. Und zwar eine ordentliche Portion. Die zwei Tonnen, die sie von diesen rosafarbenen Kleinkrebsen pro Tag verputzen, müssen ja auch verarbeitet werden.
Als wären sie beschämt, entfernen sich die Finnwale wieder ein Stück von uns und tauchen ab. Ein letztes Foto auf die Wasseroberfläche, auf der sich nur noch die Umrisse von drei Luftblasen zeigen. Die Kufen der Taimada pflügen durch die sich kräuselnden Wellen.
Eine ganze Weile blicke ich noch hinaus aufs Meer. Das warme Glücksgefühl über diese Begegnung mischt sich mit Bedauern. Wehmütigen Herzens kehre ich zurück an den verwaisten Frühstückstisch, der meine Empfindungen gut widerspiegelt: Die Putenbrust trägt solidarisch Trauerränder und der Käse schwitzt unglücklich vor sich hin. Während ich die Reste entsorge, schicke ich ein Dankgebet an Neptun. Welch ein einzigartiges Ereignis, so hautnah Wale erleben zu dürfen.
Immer noch vollkommen von diesem Erlebnis erfüllt, dauert es einen Augenblick, bis ich anhand des schon vertraut gewordenen Prustens registriere, dass die Wale zurückkommen – als hätten sie nur darauf gewartet, dass wir klar Schiff machen.
Aufgeregt stürze ich wieder auf meinen Beobachtungsposten am Bug, die Freude verdoppelt meinen Pulsschlag. Es ist beinahe wie die Rückkehr von lang vermissten Freunden.
Die Wale beäugen uns herausfordernd, als wollten sie fragen, auf was wir denn noch warten würden. Wir kuppeln aus und lassen uns treiben.


Seite 20 aus der Meeres-Anthologie Aus Liebe zum Meer – eine maritime Anthologie, herausgegeben von Brina Stein.

Mit Beiträgen von Ute Bareiss, Jana Förster, Martin Halotta, Ute Hiemann, André Huter, Ellen Löchner, Petra Schulz, Brina Stein, Corina Wagner und Michael Zilz.

Aus Liebe zum Meer