Seite 20: Das Flüstern der Ahnen

Seite 20

Doch das Schicksal einer Sklavin war nichts, worüber man sich lange Gedanken machen musste, und er hatte auch Wichtigeres zu tun, als weiter darüber nachzudenken, denn die Trauerfeiern für Lucia mussten organisiert werden. Es trafen auch bereits die ersten Boten ein, die er mit der traurigen Nachricht zu den Verwandten geschickt hatte. Am späten Abend kamen die ersten Besucher, um der Toten, die im Atrium aufgebahrt zwischen flackernden Öllampen lag, die letzte Ehre zu erweisen. Sie war gewaschen, parfümiert und in ihre beste Tunika gekleidet. Ihre Haare waren zu einer kunstvollen Lockenpracht aufgetürmt worden und ihr Gesicht war geschminkt. Sie wirkte, als würde sie nur schlafen. Quintus seufzte laut, als er sie so da liegen sah und brach in lautes Wehklagen aus; auch die anderen Anwesenden stimmten in die Totenklage mit ein und Lucias und Quintus’ Mutter rühmten die Tote als die ehrbarste Ehefrau und beste Mutter, die je gelebt hatte. Erst spät am Abend verließen die letzten Trauergäste das Haus und Quintus schlief erschöpft ein.

Früh am Morgen des nächsten Tages fanden sich erneut einige der engsten Freunde und Verwandten im Haus ein, auch zwei Flötenspieler hatte Quintus bestellt, sowie die Klageweiber, die nun zusammen mit den Musikanten dem Leichenzug vorausgingen. Die Bahre, auf der Lucia lag, war über und über mit Blumen geschmückt und wurde von vier Männern getragen. Hinter ihr gingen die Eltern und Schwiegereltern der Verstorbenen und Quintus, der von den beiden Mädchen begleitet wurde, die an der Hand ihres Kindermädchens gingen. Auch Barbara, die Amme, war anwesend und trug, neben ihrem eigenen Kind, den kleinen Lucius. Alle anwesenden Trauergäste waren in ihre besten Gewänder gekleidet, um die Tote nun zum Friedhof zu geleiten. Allen voran ging ein Herold, der durch entsprechende Zurufe den Weg für den Trauerzug freimachte, welcher durch die Gassen und Straßen Roms hindurch zum Verbrennungsplatz vor der ewigen Stadt führte. Dort angekommen, verstummten die Musikanten und die Bahre mit der Toten wurde vorsichtig abgesetzt. Dann beugte Quintus sich zu ihr herab, gab ihr einen letzten Kuss und öffnete ihr die Augen. Auf sein Zeichen hin wurde die Bahre nun auf den zuvor bereits errichteten Scheiterhaufen gehoben.


Aus dem mystisch historischen Roman Das Flüstern der Ahnen von Varuna Holzapfel.

Varuna Holzapfel Flüster der Ahnen