Seite 20: Das schwarze Loch in mir

Seite 20

Seit dem Tod ihres Babys ging eine merkwürdige
Veränderung mit ihr vor. Immer noch war sie schön und
entzückte den Müller, wenn sie morgens verschlafen
vor der Tasse Muckefuck am Küchentisch saß und aus
dem Fenster starrte auf die Stromschnellen der Werra.
Er wusste nie, was Margarete dort sah, jedenfalls nicht
das Gleiche wie er. Da war Sehnsucht im Blick dieser
Frau, die der Krieg ihm ins Haus geweht hatte. Er war
über fünfzig Jahre alt, hatte schon – blutjung- im ersten
Weltkrieg auf einem Minensucher ein Auge verloren
und nur deshalb den zweiten heil überstanden, denn
mit einem Auge ist man, dem Himmel sei Dank, ein
schlechter Schütze. Er war diesem Umstand zutiefst
dankbar, denn er wollte eigentlich nichts, als in Ruhe
gelassen zu werden. Die chronische Schlaflosigkeit, die
ihm seit dem unverdauten Grauen des ersten Weltkrieges
geblieben war, ertrug er durch sein nachmittägliches
stundenlanges Wandern durch die Wälder des
Werraberglandes. An den Bäumen war der Irrsinn des
Jahrhunderts vorübergegangen, sie atmeten Ewigkeit
und das beruhigte ihn. Die übrige Zeit seines Tages war
der Arbeit in der Holzmühle gewidmet. Er musste das
Holz bei den Förstern der Umgebung einkaufen, es auf
einem alten Lastwagen in die Mühle transportieren, wo
es von zwei Turbinen zerkleinert und zu Holzstoff gepresst
wurde. Die Abhängigkeit der Profitabilität seiner
Mühle vom Wasserstand der Werra bereitete ihm häufig
Kopfzerbrechen, weil er nichts dagegen tun konnte,
wenn die Natur launisch war, und das war sie meistens.
Jetzt aber war diese schöne Berlinerin in sein Leben
getreten, das er eigentlich als Dinosaurier überstehen
wollte. Er liebte sie auf seltsame Weise und das Hilflose
an ihrer Art weckte seinen Beschützer-Instinkt. Aber
da war zugleich etwas Unnahbares an ihr, das ihn beunruhigte
und zugleich anzog. Und wenn sie so auf den
Fluss starrte, war sie ihm ganz fremd. Noch nie hatte
er sie lachen sehen und seit dem Tod ihres Babys war
eine Starrheit in ihren Blick gekommen, die ihn noch
ratloser machte.


Seite 20 aus dem Buch Das schwarze Loch in mir – Eine spirituelle Odyssee von Sylvia Schöningh-Taylor.

Das schwarze Loch in mir