Seite 20: Der Nemesiseffekt

Seite 20

Der Kutter dort auf den rostigen Abrollwägelchen sieht dem auf den Fotos zumindest äußerlich täuschend ähnlich, was Suleiman besonders stolz macht.
Fehlen eigentlich nur noch die Registriernummer am Vorsteven sowie Schiffsname und der Heimathafen am Heck.
Der Taufe, dem Stapellauf, der Feier und dem Setzen der Flagge steht somit eigentlich nichts mehr im Wege.
Im Morgengrauen des heutigen 21. Juli liegt somit ein augenscheinlich neuer Fischkutter mit seegrün bemaltem Über- und rotem WechseltenUnterwasserschiff sowie ockerfarbigen Aufbauten auf den mit frischer, roter Antifouling-Farbe besprenkelten Ablaufwagen. Unter dem Rumpf verlaufen die rostigen Schienen schräg hinab, bis sie im grünblauen Meer verschwinden.
Keine weitere Menschenseele weit und breit in diesem Augenblick. Nur Suleiman, der unter dem hohen Heck des Schiffes steht und seine Arbeiter zum Schichtbeginn erwartet.
Er streicht fast liebevoll mit einer Hand über die glänzend polierte, dreiflügelige Schiffsschraube, derweil seine Augen nach Fehlern am Schiffsrumpf suchen, als eine ihm bekannte, aber seit langem nicht gehörte Stimme ihn aus der Beschauung reißt: „Salam! Suleiman, was ich sehe, gefällt mir!“
Erstaunt und perplex sieht er über die Schulter direkt in die dunklen Augen des Mannes, den er vor Wochen als „Abu-Sein“ kennengelernt hat und der nun hinter ihm im Sand steht und lächelt.
„Abu-Sein, freut mich …“
Der Schuss ist dumpf, fast nicht zu hören, etwas lauter vielleicht als das Aufschlagen von Suleimans Körper auf dem feinen Muschelsand.
Er kann nicht mehr fragen, warum der Kutter noch auf der Helling liegend betankt werden musste, was vollkommen unüblich ist, oder warum die Farbanstriche auf den dicken Rost gemalt werden mussten, ohne vorheriges Entrosten und Konservieren der Außenhülle.
„So wird der Kahn schon nach wenigen Wochen einem Rosteimer ähneln, bei dem nur das tägliche Beten der Besatzung und eine Restfarbschicht ein Auseinanderbrechen und Kentern verhindern …“, hatte er noch vor wenigen Augenblicken gedacht.

 


 

Seite 20 aus dem Buch Der Nemesiseffekt von Harald Kittner.
Der