Seite 20: Die Frucht des Ölbaums – Der Ketzer

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„Die Bewohner von Carcassonne haben sich ergeben und durften
ziehen!“
„Ja, mit nichts bekleidet als ihren Sünden, wie der päpstliche
Legat es anordnete! Und dies auch nur, weil der junge Vicomte
Raymond-Roger de Trencavel sich geopfert hat! Willst du meinen
Bruder kaltblütig in den Tod schicken und von deinem
Glauben abschwören, nur um dein Leben zu retten? Würdest
du das wirklich tun?“ Raymond ist aufgestanden und hat Ermessende
bei den Schultern gepackt. Er sieht ihr prüfend in
die Augen. Ihr Trotz ist verflogen. Der Säugling auf ihrem Arm
schreit erschreckt. Sie fürchtet im Moment einen temperamentvollen
Wutausbruch ihres Gatten mehr als alles andere.
Ihre schwarzen, mandelförmigen Augen sind tränengefüllt,
was Raymond erweicht. Mit sanfter Stimme fährt er fort: „Ich
habe lange nach einer Ehefrau gesucht, die meinen Glauben
teilt und als würdige Baronin neben mir mein Volk führen
könnte. Ich glaubte, in dir die Richtige gefunden zu haben.
War es eine Täuschung?“
Die Wand der Ablehnung zwischen Ermessende und Raymond
beginnt zu bröckeln. Er schaut ihr immer noch forschend
ins Gesicht, das sie schuldbewusst abgewendet hat. Doch er
lässt nicht locker. Ihre Augen treffen sich und er kann sich darin
wiederfinden. Er denkt an die Zeit, als sie sich kennen lernten:
Sie war blutjung, erst vierzehn Lenze, Vollwaise und ihr
einziger noch verbliebener Verwandter, ihr Onkel, war auch
gerade entschlafen, als sie sich zu einer Heirat mit Raymond
bereit erklärte. Zum einen waren es die aufdringlichen Anträge
aller heiratswilligen Edelmänner in ihrer Umgebung, die
ihre Notlage ausnutzen wollten und sie als leichte und reiche
Beute ansahen. Zum anderen brauchte sie damals dringend einen
respektablen, vertrauenswürdigen Ehemann an ihrer Seite,
um mit genügend Nachdruck das Testament ihres verstorbenen
Onkels anfechten zu können. Das Erbe ihrer Eltern, das
zu diesem Zeitpunkt noch von ihrem Onkel treuhänderisch
als ihrem Vormund zu verwalten war, hatte dieser der Abtei
Arlessur-Tech vermacht. Obwohl unrechtmäßige Nutznießer,
waren die habgierigen Kirchenmänner nicht bereit, das Vermögen
der eigentlichen Erbin, der zu jener Zeit noch nicht
volljährigen Ermessende de Corsavy, freiwillig abzutreten.


Seite 20 aus dem historischen Roman Die Frucht des Ölbaums – Der Ketzer von Gabrielle C. J. Couillez.

Der Ketzer Ölbaum