Seite 20: Die Legende um Rajou – Wolfsmelodie

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Du kennst ja Ruuqo, wenn er hinterher bemerkt,
dass noch etwas übrig ist, frisst er extra noch mehr …«, sagte sie,
»Ich komme auch mit weniger aus, er braucht mir nicht immer
alles bringen, was er findet.«
»Er macht sich große Sorgen um dich. Du bist schwanger, ich
denke, die Situation erinnert ihn an seine Schwester …«
»Wieso das?« Sie hob den Kopf und sah ihn an, als er wieder
in die Haupthöhle kam und sich in der Kissenecke niederließ.
Ihre niedliche Art, den Kopf auf wölfische Weise leicht schräg zu
legen, wenn sie jemanden fragend ansah, ließ ihn lächeln.
»Hat Ázzuen dir nie davon erzählt, warum Rajou so in sich
zurückgezogen und abweisend ist?«, wollte Siego wissen. Deborah
war erst seit drei oder vier Jahren mit dem Leitwolf zusammen
und wusste nur wenig über das Rudel, insbesondere von
Rajou, da niemand über seine Vergangenheit sprach.
»Ja klar, als ob der mir irgendetwas erzählt!«, kläffte Deborah,
»Der schweigt doch wie ein Grab, wenn es um Rajou geht.«
»Weil er alles miterlebt hat! Ázzuen hat alles hautnah miterlebt
und weiß, welchen Schmerz Rajou erleiden musste. Die
beiden haben sich nie sonderlich ausstehen können – nicht so
wie Ruuqo und Rajou, das ist ja schon fast richtiger Hass –, sie
sind einfach nicht miteinander klargekommen und dem anderen
aus dem Weg gegangen. Aber dann, vor sieben Jahren, ist
etwas passiert und seitdem sind die beiden wie Pech und Schwefel.
« Niemand hatte die Wandlung nachvollziehen können, die
die beiden durchlaufen hatten. Zwar hatten sich alle vorstellen
können, was damals passiert war, doch neben Ázzuen und Rajou
wusste lediglich ein anderer, was wirklich geschehen war,
und der lebte nicht mehr im Rudel.
Siego wusste, dass Rajou wegen des Vorfalls noch immer
unter Albträumen litt. Der Wolfswandler vermied es, zu oft zu
schlafen und zog es vor, auch mal ein, zwei Tage durchzumachen.
»Die waren mal Feinde?«, fragte die graue Wölfin überrascht.
»Ja.« Siego seufzte leise und stand dann auf. »Tu mir bitte
einen Gefallen, Debbs, und sprich Rajou nicht darauf an. Ich
habe einen Fehler gemacht, es anzusprechen. Darüber zu reden,
würde nur alte Wunden aufreißen, die sowieso noch keine Zeit
hatten zu verheilen.«


Seite 20 aus dem Fantasy-Roman Die Legende um Rajou – Wolfsmelodie von Lisa Dröttboom.

Wolfsmelodie Rajou