Seite 20: Erbengel

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Damit stand sie auf, stellte ihren Teller in die Spüle und wandte
sich zur Tür.
»Ich muss mir deinen Wagen leihen. Wenn wir heute Abend
wirklich ins Casino gehen wollen, muss ich mir einige Sachen
aus meiner Wohnung holen.«
»Das kommt nicht in Frage. Du kannst nicht allein da draußen
herum laufen.«
Plötzlich spürte Jessica eine unbändige Wut in sich aufsteigen,
und die Anspannung durch die Erlebnisse der letzten Stunden
entlud sich.
»Ich frage mich, worüber du dir gerade wirklich Sorgen
machst – meine Sicherheit oder nur die heiße Spur zu von Rothenburg,
die mit mir sterben könnte.«
Ohne es zu wollen, hatte sie geschrien. Nicht nur geschrien,
gebrüllt. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen,
und ihr einziger Gedanke war: ›Raus hier! Einfach nur weg!‹
Sie öffnete die Tür und rannte den Flur entlang, doch vor der
Haustür stand bereits Samuel, wie aus dem Boden gewachsen.
»Versteh bitte, dass ich dich das nicht tun lassen kann.«
Fieberhaft versuchte Jessica, an ihm vorbei zu gelangen. Zuletzt
schlug und trat sie um sich, brüllend und weinend.
»Lass mich gehen! Lass mich gehen, oder beende es hier und
jetzt! Alles ist besser als noch einmal eine solche Nacht wie die
letzte!«
Samuel tat nichts. Er hielt sie einfach nur fest, steckte die
Schläge und Tritte ein ohne ein Wort, ohne auch nur zu zucken.
Jessica wusste nicht, wie lange es dauerte. Für sie fühlte es sich
wie Stunden an, doch schließlich verließen sie ihre Kräfte und
sie sank erschöpft in seine Arme. Einzig ihre heißen Tränen
rannen noch über ihre Wangen.
»Schhh. Es wird alles gut. Schhh.«
Sachte, fast unmerklich streichelte Samuel über ihr Haar.
»Lass es einfach alles raus. Danach wird es dir besser gehen.«


Seite 20 aus dem Fantasy-Roman Erbengel von Tanja Kruber.

Erbengel Tanja Kruber