Seite 20: Fiona – Gefühle

Seite 20

Jack erwartet mich vor der Wohnung. Es ist eine dieser Luxuswohnungen in einem Luxusgebäude in einer Luxusgegend. Wo waren die Luxuswachleute des privaten Schutzdienstes? Und wieso kann sich Ben das eigentlich leisten? Zumindest die letztere Frage kann ich mir selbst beantworten: Weil er zurückgezogen lebt und kaum Geld für irgendwas ausgibt, was nicht unbedingt nötig ist.
Ich nehme Jack kurz in die Arme. Dann deute ich auf die Wohnungstür. „Da drinnen muss es ja schlimm aussehen.“
„Ja. Du warst in der Bank?“
Ich nicke.
„Dann wird es für dich nichts Überraschendes in der Wohnung geben. Wusstest du, dass Ben mit einem Mann zusammengelebt hat?“
„Du?“
„Ja. Aber er machte es nie öffentlich.“
„Nun, ich habe es geahnt. Aber wir haben nie über sein Privatleben gesprochen.“
Jack mustert mich mit einem undefinierbaren Ausdruck. Schließlich öffnet er die Tür und geht vor. Bestialischer Gestank schlägt mir entgegen. Die Quelle liegt auf dem Boden zwischen Badezimmer und Küche. Es war mal ein Mann, das kann ich erkennen.
Ich schlucke. „Komisch, dass Menschen kein Problem haben, ein Huhn aus dem Supermarkt anzupacken, aber bei diesem Anblick loskotzen.“
„Du findest das komisch?“
„Nicht wirklich.“ Während ich an den Resten des Mannes, und es sind wirklich nur Reste, vorbeigehe, denke ich daran, dass es eben einen Unterschied macht, ob man ein Huhn als Huhn erkennen kann oder nicht. Nicht ohne Grund werden die Hühner meistens in Einzelteilen und mariniert oder paniert angeboten, um bloß keine Assoziationen zu wecken. Niemand wäre von einem Menschenschnitzel schockiert, wenn er den ursprünglichen Menschen nicht mehr erkennen könnte und auch nicht wüsste, dass es Menschenfleisch ist, was da grad in der Pfanne bruzzelt.


Seite 20 aus dem Fantasyroman Fiona – Gefühle von Zsolt Majsai.

Cover Fiona Gefühle