Seite 20: Freundschaftspiel

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Dieter Lange zündete sich trotz Kopfschmerzen seine Pfeife
an, an der er geräuschvoll sog.
„Dieter! Links von der Kirche steigt Rauch auf. Ich glaube, er
kommt vom Maisfeld … Nein, vom Friedhof! Ja genau, jetzt
habe ich es. Da ist ein Feuer … und … boah, Dieter! Das gibt’s
doch nicht!“
„Was denn?“
„Die pinkeln ins Feuer!“
„Wer?“
„Na Männer, Jungs, ich kann nicht genau erkennen …“
„Wie viele?“
„Fünf. Nein sechs. Ich glaube, die haben ganz schön einen getankt.
Den einen müssen sie sogar stützen.“
Der Großvater stopfte seine Pfeife nach und zündete sie erneut
an.
„Und? Ist das Feuer jetzt gelöscht?“

Es war eine Art Spiel, das sie seit Hendrix’ Ankunft vor einer
Woche täglich vor dem Abendessen praktizierten – mindestens
eine halbe Stunde lang. Hendrix nannte es das „Schriftstellerspiel“;
er freute sich schon seit dem Aufstehen darauf. Einer von
ihnen stand mit dem Fernglas am Fenster und gab so genau
wie möglich zu Protokoll, was er sah. Der andere machte sich
dazu Notizen, denn nach dem Abendessen hatte er binnen einer
Stunde anhand seiner Aufzeichnungen eine Kurzgeschichte zu
schreiben, in der alle diktierten Beobachtungen – zumindest
am Rande – vorkamen. Auf diese Weise waren nun bereits drei
Geschichten aus Hendrix’ Feder entstanden und der Schriftsteller-
Großvater hatte ihm bescheinigt, dass sie allesamt
ganz brauchbar seien. Dieses Lob hatte für Hendrix enormen
Wert, denn Dieter Lange war beileibe kein Schmeichler. Was er
sagte, meinte er; darauf war Verlass. Nicht selten legte er sich
mit Politikern und kirchlichen Würdenträgern an, stieß auch
Schriftstellerkollegen – ja gerade die – immer wieder vor den
Kopf, wenn sie sich öffentlich in einer Weise zu politischen oder
literarischen Themen äußerten, die ihn erboste.


Seite 20 aus dem Roman Freundschaftspiel von Christian Oelemann.

Freundschaftspiel Christian Oelemann