Seite 20: Geschichten aus dem Duden

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„Fast wäre diese Taktik aufgegangen“, fährt der Mann, der
nach wie vor wie der Staatspräsident aussieht, fort, „wenn er
nicht in seiner angeborenen Dummheit ein paar winzige Kleinigkeiten
übersehen hätte.“
„Soso“, keucht Meugreux noch schwach, sein Anteil an wörtlicher
Rede innerhalb dieser Imagination ist damit erschöpft.
Der Kommissar wird zwar noch einmal den Mund öffnen, aber
was wird herauskommen? Und vor allen Dingen: Warum? Nun,
wir werden sehen.
„Jaja“, setzt Victor zum Finale an, und mir kommt es vor,
als sollten wir ihn nunmehr ausreden lassen. „Es gab da einen
Mann, nennen wir ihn Valerian, der war Kommissar Flaubert
immer einen Schritt voraus. Einen winzigen zwar, aber das genügte.
Valerian erkannte ziemlich schnell, dass der Kommissar
den Tathergang sowie die involvierten Personen einigermaßen
durchschauen würde, und er traf daher Vorsorge. Im Zuge seiner
… hm … Ermittlungen wurde dieser Monsieur Valerian
Folgendes gewahr: Kommissar Flaubert hatte einige dunkle
Freunde, zum Beispiel einen Mann, der für ihn auf gedopte
Pferde wettete. Zum anderen eine Frau, die mit gezinkten Karten
beträchtliche Gewinne erzielte und ihm einen nicht unbeträchtlichen
Teil davon abtrat. Aber damit nicht genug: Flaubert
war über einen Mittelsmann gar an einem Bordell beteiligt,
kontrollierte zwei oder drei Spielsalons! Er wusste, wo ein manipulierter
Roulette-Tisch stand und ließ sich für dieses Wissen
inklusive Schweigen mehr als angemessen entlohnen. Und – delikat,
wie Sie zugeben werden – er verfügte nicht nur über eine,
nein, gleich über zwei Geliebte: eine algerische Prostituierte aus
dem Bordell sowie die Kartenspielerin.
Die Beschaffung von Namen und Adressen der Damen war
für die Mittel, über die Monsieur Valerian verfügte, beinahe
eine Beleidigung. Auch die Höhe der Gewinne aus Pferdewetten,
Prostitution und illegalem Glücksspiel konnte Valerian auf
einhundert Francs genau beziffern. Ja, selbst das Kreditinstitut,
bei dem Kommissar Flaubert – natürlich unter einem anderen
Namen – ein Konto für diese Beträge eingerichtet hatte, war ihm bekannt.


Seite 20 aus dem Buch Geschichten aus dem Duden von Peter Klohs.

Geschichten aus dem Duden Peter Klohs