Seite 20: Geschichten aus Nian – Landwandlerin

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Erst mit diesem Ritus bekam man das Recht, in einige der Alten Schriften
Einsicht zu nehmen und mehr über die eigenen
Traditionen zu erfahren, als man in der Schule und
davor zu hören bekam. Reiten war zwar Lehrstoff,
jedoch lediglich Teil des Geschichtsunterrichts und
wurde seiner Meinung nach ziemlich stiefmütterlich
behandelt. Das musste damals anders gewesen
sein. Sogar von Riesen war noch erzählt worden!
Mittlerweile wusste man nicht einmal mehr, ob es
sie überhaupt gab.
So in Gedanken versunken hätte er fast nicht
bemerkt, wie einige Intare hinter einem Trennvorhang
hervorkamen und auf leisen Ledersohlen den
Saal betraten. Er erschrak ein bisschen, als er von
einem dieser initiierten Reiter angesprochen wurde:
„Na, du bist pünktlich, schön! Komm, hilf uns,
damit dein Vater die Vorrede in würdigem Rahmen
halten kann.“
Ein paar niedrige Gestelle mussten hereintransportiert
und zu einem Podest zusammengerückt
werden, ein großes grünes Tuch wurde darauf ausgebreitet,
und dann wurden acht besonders harmonisch
geformte Blätter der Gemeinen Nianianischen
Rundeiche darauf gelegt. Ran erinnerte sich
gut, wie er letzte Woche geholfen hatte, sie am Rand
der Baumwälder im Norden Bursigas zu sammeln.
Zwei davon hatte er selbst entdeckt, was unter Reitern
als Zeichen für hohes Talent galt. Es ärgerte
ihn aber jedes Mal, dass immer nur ein Intar oder
manchmal auch Lekur, der Anführer einer Gruppe,
mit einem gefundenen Blatt zur Loge reiten durfte.


Seite 20 aus dem Buch Geschichten aus Nian – Landwandlerin von Paul M. Belt.
Geschichten aus Nian - Landwandlerin