Seite 20: Geschichten aus Nian – Lindenreiter

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Da erblickte er sie wieder, dort in der Entfernung. Schön, prachtvoll leuchtend in sonnigem Abendgelb … eine Majestät von einem Baum, so wiegte sie sich im Abendwind, der fern in ihren Zweigen sang. Fasziniert blieb er stehen, betrachtete bewundernd die vereinzelt fallenden Blätter. Sie hätten wirklich großartige Boote oder Sonnenschirme sein können … Wie von selbst änderten seine Füße den Weg und gingen auf die Linde zu. Es war ausgesprochen weit dorthin – eine Schule in der Nähe von so etwas Gefährlichem wie einem Baum zu erbauen, wäre niemandem in Nian in den Sinn gekommen.
Nach einer Weile endete der befestigte und geräumte Weg. Über Reste geborstener Eicheln, Hülsen von Bucheckern und Blattstielen, die vom Wald hergetragen worden waren, musste er klettern, doch er verlor nicht den Kurs. Wie ein Fanal überragte die Linde alles, was sich ihm in den Weg stellte. Ein Reh knabberte scheu an einer riesigen geplatzten Eichel und wich zurück, als er sich ihm näherte. Und dann schließlich, als die Sonne sich bereits in Goldtönen dem Horizont zuneigte, erreichte er den gigantischen Baum.
Niemals hätte er hier sein dürfen. Ein Samenkorn, ein loser Zweig – alles konnte unter einem Baum das eigene Ende bedeuten. Wie in Trance schaute der Junge den nicht enden wollenden Stamm mit dem Umfang des ganzen Schulgebäudes empor. Mulmig wurde ihm, ein Teil von ihm wäre am liebsten davongelaufen, denn nun wollte er etwas noch viel Gefährlicheres tun. Er griff nach einem abstehenden Teil der Borke und begann zu klettern.


Seite 20 aus dem Buch Geschichten aus Nian – Lindenreiter von Paul M. Belt.
Geschichten aus Nian - Lindenreiter