Seite 20: Himmelsstaub – Gefangen im Koma

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Hat aber alles gut geklappt, und
wenn nichts schiefgeht, wird der Josef bald wieder hier vor
mir sitzen. Wahrscheinlich mit einem oder mehreren Stents.
Noch zwei Patienten. Ich spüre wieder diese Unruhe in
mir aufsteigen. Hitzewallungen. Übelkeit. Ich fühle mich so
schwer. Die beiden sind Bagatellfälle. Einmal Grippe, einmal
‚non vult laborare Syndrom‘. Das heißt, der hat heute keine
Lust zu arbeiten und braucht eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung.
So lange Worte gibt es auch fast nur im Deutschen.
Ich drucke sie aus und gebe sie ihm mit der Bemerkung:
„Dieses Jahr aber nur noch, wenn du mal wirklich krank bist!“
„Ja klar!“ Er sieht mich, noch nicht mal beleidigt, lächelnd
an.
Mir ist es so verdammt schlecht. Mit Mühe erhebe ich mich
aus meinem Sessel und wanke zur Hoftür. Ich gehe raus an
die frische Luft. Sofort kommt Gustav angerannt und wedelt
freudig erregt wie verrückt mit dem Schwanz.
„Na, mein kleiner Freund!“ Ich bücke mich leicht und
streichle sein seidiges Fell. Wenn du wüsstest, wie ich mich
fühle, mein allerbester Freund! Es geht mir total beschissen.
Ich kann es nicht einordnen. Ich schwitze. Mein Herz rast.
Meine Beine sind wie Blei. Meine Arme gehorchen mir nicht
mehr. Schwindel. Ich lasse mich einfach auf den Boden sinken.
Ich höre die Vögel lustig zwitschern, ein letzter Blick in den
Garten. Dann dämmert es mir vor Augen. Panik ergreift mich.
Ich spüre noch, dass ich ganz auf der Erde liege. Gustav bellt
und leckt mir durchs Gesicht. Alles wird schwarz. Ganz weit
höre ich aufgeregte Stimmen nach mir rufen. Hastige Schritte
nähern sich. Totale Schwärze legt sich auf mich. Die Stimmen
werden leiser. Dunkelheit. Stille. Nichts mehr. Gar nichts.


Seite 20 aus dem Medizin-Thriller Himmelsstaub – gefangen im Koma von Dr. Johannes Sieben.

Cover Himmelsstaub von Johannes Sieben