Seite 20: Ich bin ich – Mein transsexuelles Leben

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Solche und ähnliche Aussagen von Therapeuten verfolgen
mich aber bis heute: Ihr Problem ist Ihre Transsexualität!
Damit meinen sie, alles erklären zu können, auch das,
was gar nicht erklärt werden muss. Schließlich suchte bei
meinen Brüdern niemand nach einem tieferen Grund dafür,
dass sie in bunten Röcken am Altar standen.

Schon sehr früh begann ich auch, im Kirchenchor zu singen.
»Gott hat dir das Geschenk einer Engelsstimme gegeben
«, sagte Mama immer.
Ich liebte den Gesang im Chor sehr, aber ich wollte mehr.
Neben der Musik habe ich, seit ich denken kann, immer
schon den Tanz geliebt. Das blieb auch meiner Pflegemutter
nicht verborgen und sie meldete mich mit sechs Jahren in
der Ballettschule in Osnabrück an.
Aus heutiger Sicht war der Ballettunterricht zu Anfang
wohl eher eine therapeutische Körpererfahrung. Viel weiß
ich nicht mehr vom Beginn meiner Tanzkarriere, nur dass
es anstrengend war, schmerzhaft und wunderschön.
Ich wartete jeden Tag ungeduldig auf das Ende der sechsten
Schulstunde, rannte dann schnell nach Hause zum Essen,
das ich hinunterschlang, und nervte meine Mutter:
»Mama, ich muss los, bitte beeile dich!«. Und dann ging es
mit dem Bus nach Osnabrück in die Ballettschule.
Die Ballettschule wurde mir bald zum zweiten Zuhause,
man musste mich fast zwingen, den Ballettsaal zu verlassen
und nach Hause zu fahren. Dann, mit neun Jahren,
durfte ich endlich auf die Ballettakademie, womit mein
größter Wunsch in Erfüllung ging. Ich hatte mich an einem
Contest beteiligt und erhielt tatsächlich ein dreijähriges
Stipendium: 500 Tänzer aus der ganzen Welt – fünf
Minuten Bühnenpräsenz – 300 Sekunden, die das ganze
Leben für immer verändern. Ich gewann und ich war
glücklich.


 

Seite 20 aus dem Buch Ich bin ich – Mein transsexuelles Leben von Micha Ela.