Seite 20: Im Bann der Vergangenheit

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Bis Vandammes aufgestanden waren, wollte sie auf
der Wiese nebenan einen bunten Blumenstrauß pflücken. Er
sollte das Pult schmücken, an dem sie stehen würde.

„Aufgeregt?“, fragte Herr Vandamme sie beim Frühstück.

Anna zuckte mit den Schultern und lächelte unsicher.

„Du machst das schon“, meinte er und legte ihr beruhigend die
Hand auf den Arm. „Komm, wir gehen alles noch mal durch.“

Als sie dann in dem Saal an ihrem Pult stand und die Menschen
sah, die sie mit erwartungsvollen Blicken anstarrten,
wurden ihre Knie weich. Sie hatte das Gefühl, sie müsse davonlaufen,
weg von diesen Menschen, deren Blicke wie drohend
auf sie gerichtet waren. Eine Gefahr schien von ihnen
auszugehen. Es war, als warteten sie nur darauf, mit den Fingern
auf sie zu zeigen und ihr höhnisch ins Gesicht zu lachen,
weil sie ja doch versagen würde; sie sei es nicht wert, dort zu
stehen. Einen Augenblick lang klammerte sie sich am Pult fest,
um nicht umzusinken. Doch Herr Vandamme lächelte ihr aufmunternd
zu, und das brachte sie zur Besinnung. Sie begann
mit klarer Stimme, in der ihr tiefes Empfinden mitschwang,
das Liebeslied von Rilke zu rezitieren. Nach den ersten Worten
spürte sie, wie sie allmählich sicherer wurde. Sie fühlte sich
getragen von der Melodie und dem Rhythmus der Sprache. Die
Verse, die sie vortrug, lebten in ihrem Innern und ließen sie alles
andere ringsumher vergessen. Die Menschen, die ihr kurz
zuvor noch so bedrohlich erschienen waren, existierten nur
noch am Rande ihres Bewusstseins. Sie war in einer anderen
Welt, der Welt der Dichtung. Die Worte kamen wie von selbst,
sie brauchte die Blätter mit den Texten, die vor ihr lagen, gar
nicht. Nur selten warf sie einen Blick darauf. Als sie ihren Vortrag
beendet hatte, war ihr, als würde sie aus einem Traum erwachen.
Sie stand wie benommen da, dann holte sie der Beifall
des Publikums in die Wirklichkeit zurück. Plötzlich sah sie
wieder die Menschen in dem kleinen Saal, und sie waren gar
nicht mehr bedrohlich. Sie klatschten, und einige lächelten ihr
freundlich zu. Ein ungeheures Glücksgefühl durchströmte sie.
Sie schien wie auf Wolken zu schweben.


Seite 20 aus dem Roman Im Bann der Vergangenheit von Ellinor Wohlfeil.