Seite 20: Jetzt bin ich hier

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Flucht zweier Frauen

Vier Uhr dreißig. Der Wecker klingelt erbarmungslos und
unaufhörlich. Langsam öffnet Wilma die Augen. Schlaftrunken
streckt sie ihren Arm aus, tastet mit der Hand nach dem
Wecker in der Dunkelheit, orientiert sich am sich ständig
wiederholenden Geräusch, das gleich einer Sirene ohrenbetäubend
durchs Zimmer hallt. Endlich Stille. Wilma hat den
Wecker gefunden, abgestellt. Frühschicht, denkt sie. Wieder
einmal. Sie dreht sich auf den Rücken, streckt sich, strampelt
die Decke weg. Am liebsten würde sie liegenbleiben.
Nicht aufstehen. Die Arbeit einfach sein lassen. Aber heute
ist ihr letzter Tag. Und pflichtbewusst, wie sie nun mal ist,
wird sie ihrer Arbeit im Pflegeheim, getreu dem Motto, alles
zum Wohle des Bewohners, nachgehen. Mit Leib und Seele
ist sie Altenpflegerin. Seit mehr als 30 Jahren. Mit Hingabe
und Liebe pflegt und begleitet sie „ihre“ Bewohner bis zuletzt.
Wilma hat keine Kinder. Hatte nie welche. Für sie sind
die Bewohner des Pflegeheimes ihre Kinder. Zumindest gleichen
sie Kindern. Besonders diejenigen die im Endstadium
einer Demenz sind. Sie rufen nach ihrer Mutter, müssen gewaschen,
gewickelt und gefüttert werden. Sind hilflos. Mit
einem kräftigen Schwung setzt sich Wilma auf den Bettrand.
Inzwischen ist es vier Uhr fünfundvierzig. Noch Zeit genug
bis ihre Schicht anfängt. Sie erhebt sich, schlurft Richtung
Bad und da erst schaltet sie das Licht ein. Sie kneift die Augen
zu und öffnet sie gleich wieder. Das macht sie so lange, bis
sie sich ans Licht gewöhnt haben. Sie war eine schöne Frau.


Seite 20 aus der Anthologie von Flüchtlingen Jetzt bin ich hier, gerausgegeben von Maria Braig.

Cover Jetzt bin ich hier Maria Braig