Seite 20: Karmaexpress

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Margarete hatte vor dem Krieg als blutjunge Verkäuferin im Berliner Kaufhaus des Westens gearbeitet, war dort als Schönheit aufgefallen und häufig als unbezahltes Mannequin für Bademoden eingesetzt worden. Dort lernte sie Männer kennen, die sie in die schillernde Welt der Varieté Clubs einführten, wo sie bald in einen Freudentaumel verfiel, der sie endlich zu befreien schien von der dunklen Enge der elterlichen Hinterhauswohnung und der väterlichen Gewalt. Da ihr Charme und ihre verführerische Weiblichkeit Männer dazu brachte, sich ihrer anzunehmen, vergaß Margarete bald die Idee vom Sinfonie-Orchester. Zu berauschend war ihre Wirkung auf Männer, die ihr Türen öffneten zu einer ganz neuen Welt. Die Bibelsprüche der frommen Mutter waren vergessen, das Leben in ihrem Körper war vielversprechend hier und jetzt. Sie kündigte im KaDeWe und arbeitete fortan als Animierdame in der Femina-Bar. Alles was sie tun musste, war, ihren Körper in einem drolligen Outfit einzusetzen, um Männer zu animieren, eine teure Flasche Sekt zu bestellen, von dem sie ein Glas nippte. Danach entzog sie sich dem Hoffnungsvollen und flatterte zum nächsten Kunden. Das war perfekt für sie, denn eigentlich war Margarete jenseits ihres Körpers entsetzlich prüde und ratlos dem Leben gegenüber. Hitler hasste sie von Anfang an, weil sie ihren jüdischen Hausarzt vor dem Zugriff der Gestapo hatte vom Balkon im vierten Stock springen sehen. Und dann machte ihr dieser Hitler auch noch mit seinem verdammten Krieg gegen Polen und Russland alles kaputt. Sie kannte viele Polen und Russen in Berlin und liebte vor allem deren Lieder, die sie sich vorsingen ließ, um sie auf der Geige zu begleiten. Der Krieg schloss die Femina-Bar und die Bomben trieben Margarete endgültig aus der geliebten Stadt.


Seite 20 aus dem Roman Karmaexpress von Sylvia Schöningh-Taylor.
Karmaexpress