Seite 20: Kein menschlicher Makel – weder gestern noch heute

Seite 20

„Wir sind in unserer Klasse. Dieter und Hans-Georg werfen Kreidestückchen an die Tafel, ein paar andere Jungen balgen sich und rennen durch den Raum. Die Mädchen sprechen über Erlebnisse im Jungmädeldienst. Von den Gesprächen bin ich ausgeschlossen. Ich bin ja nicht Mitglied in der Hitlerjugend und sitze still daneben. Der Direx kommt. Man hört den Tritt seiner Stiefel auf dem Flur. Die Jungen rennen zu ihren Plätzen. Die Tür öffnet sich, alle Schüler und Schülerinnen schießen von ihrem Sitz empor und stehen kerzengerade mit geschlossenen Füßen neben ihrer Bank. Kein Laut ist mehr zu hören. ‚Heil Hitler!’ Laut und kräftig erklingt die Stimme des Direx. ‚Heil Hitler!’ antworten die Jungen und Mädchen im Chor. ‚Setzen!’ befiehlt der Direx. Er geht zur Tafel und schreibt untereinander:


Demokratie,
Plutokratie,
Kapitalismus,
Liberalismus,
Kommunismus.

Dann macht er eine Klammer und schreibt auf die andere Seite:

Weltjudentum.

Er fängt an zu dozieren: ‚Deutschland, unser geliebtes Vaterland, ist von allen Seiten bedroht. Aber unser geliebter Führer Adolf Hitler wird mit allen unseren Feinden fertig werden. Hermann, lies vor.’


Seite 20 aus dem Roman Kein menschlicher Makel – weder gestern noch heute von Ellinor Wohlfeil.
Ellinor Wohlfeil Kein menschlicher Makel