Seite 20: Kinderdiebe – eine wahre Geschichte

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Die Auseinandersetzung mit meiner Mutter energetisierten
mich. Jedes Mal, wenn sie meine abgewetzten Gammelsachen
in die Werra warf – wir lebten in einer Mühle –
konnte ich meine Wut rechtschaffen zum Ausdruck bringen
und mich anschließend mit John, Paul, George und
Ringo einschließen: „Hey Jude, don’t make it bad, take a
sad song and make it better.“ Und mit den kreischenden
Mädchen auf den Konzerten der Beatles konnte ich mir
als Nachgeborene die Verstörung meiner Mutter aus den
Gliedern schütteln, denn ich wollte mit ihrer Depression
nichts mehr zu tun haben.

Überhaupt schien mir Deutschland ganz und gar verstaubt
und schuldbeladen. Es hatte zwei Kriege angezettelt
und sieben Millionen Juden umgebracht. Als wir Mitte der
1960er Jahre einen Fernseher bekamen und ich mir alle
Sendungen über die Nazizeit anschaute, machte mein Vater
wiederholt ohne ein Wort den Fernseher aus. Dieses
Schweigen sprach in meinen Augen Bände und trieb mir
die Schamesröte ins Gesicht über mein Land, das sich des
Völkermordes schuldig gemacht hatte und immer noch
nicht hinschauen wollte. Dieser Vater konnte kein Vorbild
für mich sein, nein, ich musste wo anders, außerhalb
Deutschlands, nach Orientierung suchen. Ich fand sie
im angelsächsischen Raum, fühlte mich wie ein kalifornischer
Hippie, vertrat Flower Power, verfolgte mit leuchtenden
Augen Berichte aus San Franzisko und New York
über Sit-ins und Love-ins und hörte jeden Morgen den Piratensender
Radio Caroline, dessen schwieriger Empfang
mir zusätzlich das Gefühl gab, an etwas Subversivem teilzunehmen
– und meinem geliebten England zu lauschen,
denn Radio Caroline sendete von einem Schiff im Ärmelkanal
und natürlich auf Englisch.

Die Schüsse auf Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967
fügten meiner Flower Power-Mentalität eine politische
Dimension hinzu.


Seite 20 aus dem biografischen Roman Kinderdiebe – eine wahre Geschichte von Sylvia Schöningh-Taylor.

Cover Kinderdiebe Sylvia Schöningh-Taylor