Seite 20: Nebelkerze

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Ich sprinte die bewachsene Böschung hinauf, springe über das Gelände, hetze über die acht Spuren der Städteautobahn auf die andere Seite und sehe dem Fremden zu, wie er auf dem Beifahrersitz des schwarzen Lieferwagens Platz nimmt und mir davonfährt. Gerade so kann ich noch sein Gesicht sehen, als er sich nach mir umdreht.
Er lacht mich trotz meines Reinfalls nicht aus.
Das wundert mich sehr.
Der Blick sagt mir etwas anderes. Was, das kann ich in diesem Moment nicht einmal ansatzweise erkennen. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sich in seinem Blick eine Botschaft versteckt.
Verärgert trete ich gegen einen Stein, der am Pannenstreifen liegt, und lehne mich mit beiden Händen an die Planke. Mein Herz pulsiert, in meinen Schläfen dröhnt es, in Gedanken renne ich dem Fremden immer noch nach.
Dann wische ich mir mit den Händen den Schweiß aus dem Gesicht, streife mir mit den Fingern durch das dichte Haar, richte mich schließlich wieder auf, rücke mein Jackett zurecht und erlaube mir tatsächlich, es amüsant zu finden.
Ich drehe mich um und setze mich auf die schmale Planke. Meine Augen folgen der Strecke zurück, während ich in meiner Brusttasche nach dem Telefon suche.
Im selben Augenblick, als ich die Nummer von David wählen will, läutet es bei mir.
„Welch ein Zufall“, puste ich in das Telefon, noch etwas außer Atem.
„Wo zum Teufel steckst du?“, schnauzt er mich an.
„Du wirst es nicht glauben“, lache ich laut und will mich gerade mit meiner immer noch sehr gut funktionierenden Kondition brüsten, als …
„Man hat uns hier direkt unter der Nase ein Gemälde gestohlen!“
Neben meiner Kinnlade rutscht mir auch das Telefon beinahe aus den Fingern.
„Red keinen Scheiß“, reime ich mir sofort zusammen, wer mir da durch die Lappen gegangen ist und finde es mit einem Mal gar nicht mehr so lustig.
„Was treibst du, Nik? Treibst du es etwa gerade?“


Seite 20 aus dem Krimi Nebelkerze von Zoe Zander.

Seite 20 aus Nebelkerze von Zoe Zander