Seite 20: Nennen wir sie Eugenie

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Jetzt sah sie nur einen verlogenen, verarmten alten Mann, der betrunken vor ihr stand und tobte, weil er um sein Hab und Gut fürchtete. Der seine Tochter verschachern wollte. Aus irgendeinem Grund hatte er wohl angenommen, dass sie einfach Ja und Amen sagen würde und alles wäre gut. Für ihn.

Die Mutter („Mutter?“, fragte es in Eugenies Kopf) zerrte an ihm. Er war zu betrunken, um Widerstand zu leisten, und so zog sie ihn aus der Tür, bevor er auf Eugenie losgehen konnte.
Die Frau, die Eugenie bisher für ihre Mutter gehalten hatte, trat nun selbst ins Zimmer und wollte sie aus ihrer Ecke ziehen und auf die Beine stellen. Eugenie war wie ein Stein und in ihrer Erstarrung schwer wie Blei. Die Frau gab auf.

„Eugenie, so sag mir doch, wer er ist“, versuchte sie es noch einmal. „Mach es mir doch nicht so schwer, ich liebe dich doch.“ Eugenie war verwirrt. Die Frau, die hier vor ihr stand, redete zwischendurch wie ihre Mutter, sah aus wie ihre Mutter und doch kannte sie diese Person nicht. Sie redete und redete und langsam verschwand das laute Geschwirr der Gedankenfetzen aus Eugenies Kopf und sie hörte nur noch die Frau vor sich reden, die ein Klon ihrer Mutter zu sein schien. Langsam löste sich die Starre und wurde abgelöst von eisiger Kälte. Fast zitterte Eugenie, obwohl es ein sehr heißer Tag war.

Im Hintergrund hörte sie den Klon reden, ihre Gedanken aber fanden den Weg zu Seraba und plötzlich sah sie wieder klar. Seraba, ihre Liebste, wartete auf sie. Sie hatte angerufen, hatte sie nicht erreicht, sondern nur eine fremde Stimme gehört, und würde sich nun Sorgen machen. Aber sie hatte gut reagiert. Geistesgegenwärtig und schlau hatte sie sofort aufgelegt, um Eugenie und sich selbst nicht in Gefahr zu bringen, und Eugenie würde nun ebenso handeln: geistesgegenwärtig und schlau.


Seite 20 aus dem Flüchtlings-Roman Nennen wir sie Eugenie von Maria Braig.

Nennen wir sie Eugenie