Seite 20: Nietzsche nackt

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Während er seine Frage nach dem Schlucken in den kommenden klebrigen Sekundenbruchteilen vermutlich schon tausendfach bereut und fieberhaft nach kommunikativen Anschlussmöglichkeiten sucht, find ich im Nebel ne passende Antwort. „Ja, schon, aber im Moment hab ich so nen trockenen Mund, da geht gar nix“, nuschel ich durch den Pelz auf der Zunge. Und weil er kein Wasser findet, geht es nicht oral weiter, sondern auf der verdammt harten Plastikmatratze, die er auf dem Boden der Bibliothek des Besetzerhauses ausgebreitet hat. Die ist abwischbar, fällt mir spontan ein.
Ich vermute, er hätte mich auch nicht geküsst, wenn ich mich nicht vorher übergeben hätte. Ist so’n Gefühlsding, das Küssen, für manche. Tut er jedenfalls kein einziges Mal in der Nacht. Ich denke, er ist eigentlich so’n Anständiger, so’n treuer Typ. Und dass er verliebt sein muss, um ne Frau richtig zu küssen. Aber ich beschwer mich nicht, es passt so viel besser. Ich mag das Benutztwerden. Die Hilflosigkeit und wenn sie ausgenutzt wird. Und an das Gefühl seines Schwanzes in mir erinnere ich mich noch gut. Gott, konnte der sich geil bewegen. Er ist besorgt, man könne uns dabei hören. Ok, ich meine, ich kann auch leise, denk ich. Also – seufz – jedenfalls zwischendurch. Auf die Hand gebissen, „Jaaaaa …, verdammt, ist das geil!“ Vergessen, wo ich bin, mit wem, egal, das ist das Paradies, „Nicht aufhören, bitte, oh jaaaa …“

*

Der nächste Morgen ist gräßlich. Ich wache allein auf, zwischen wandhohen Regalen voll abgegriffener Bücher und einem Flipchart mit betriebswirtschaftlichen Überlegungen zum Jugendhaus. Sind nicht doof, die Kids, denke ich so anerkennend wie der Kater es zulässt. Der Sessel riecht muffig und fühlt sich speckig an. Und auch wenn meine Zunge am Gaumen festzukleben scheint, meine Beine noch aus Pudding sind und die Erdachse heute morgen wildere Nutationsspiralen dreht als sonst, erinnert mich das klebrige Muffeln der gammeligen Polster daran, dass ich nach Hause will.


Seite 20 aus dem Roman Nietzsche nackt von Sara-Marie Sonneberg.

Nietzsche nackt Sara-Marie Sonneberg