Seite 20: Nur für Erwachsene

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Frieders Tanten wohnten allesamt in Wuppertal; sie entsprachen keinesfalls Kriterien, die mit Geilheit auch nur im Geringsten in Zusammenhang gebracht werden konnten.
Piet lebte allein mit seiner Mutter, zehn Minuten Fußweg für Frieder, bei Beeilung fünf. Seit die beiden Jungs einander schätzen gelernt hatten (das war, als sie die Oberstufe erreicht hatten und plötzlich gemeinsam Kurse belegten), verbrachten Frieder und Piet beinahe jeden Tag Zeit miteinander. Mal waren es ganze Nachmittage bis in die Abende hinein, mal auch nur Minuten; je nachdem, was im Einzelnen anstand.
»Und? Was hast du mit dem Ding vor?«, wollte Piet wissen und schaute, als habe er gerade das Rad neu erfunden. »Du hast ihn geklaut – das ist dir doch klar?«
»Wegen der Sonne!«, antwortete Frieder; er setzte voraus, dass sein Freund die Anspielung verstand. Dies schien ausnahmsweise nicht der Fall zu sein. »Es war dermaßen langweilig! Feiere du mal den Fünfzigsten eines Schwätzeronkels mit reichlich Verwandtschaft und dubiosen Weibsbildern in Nylonstrümpfen! Wie dieser Meursault im »Fremden« halt – bei dem war es die Sonne, bei mir war es der Fünfzigste des Onkels, der mich hat straffällig werden lassen. Wahrscheinlich gebe ich das Ding im Fundbüro ab. Was meinst du? Wenn jemand den Koffer vermisst, kann er ja dort nachfragen.«
»Suboptimal, Heinzig! Wer geht denn schon zum Fundbüro? Ich jedenfalls war noch nie dort!« Piet schüttelte zur Untermauerung seines Arguments den Kopf.
»Ich allerdings auch nicht«, gab Frieder zu. »Ich weiß noch nicht einmal, wo das in Wuppertal überhaupt ist!« Damit war klar, dass er soeben lediglich geschwätzt hatte.
Piet legte Frieder die Hand auf die Schulter. »Soll ich dir mal etwas sagen? Kann ich mir echt nicht vorstellen, dass jemand den Koffer vermisst. Den hat jemand entsorgt, wenn du mich fragst. Den wollte jemand loswerden, ganz klar!«


Seite 20 aus dem Roman Nur für Erwachsene von Christian Oelemann.