Seite 20: Oneiroi – Dämonen der Nacht

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Heute, Freitag, 16. Oktober 1998: Stummer Abschied

Langsam lichten sich die Reihen der Trauernden. Zum Schluss
bleiben wir nur mehr zu dritt übrig. Die ganze Zeit stehe ich
abseits und auch jetzt komme ich nur zögernd ans Grab. Mit
einem flüchtigen Kuss verabschiede ich mich von der Rose und
werfe sie samt einem Umschlag in die Tiefe. Der Regen prasselt
mir dabei ins Gesicht, dennoch hebe ich den Kopf hoch und
sehe zu dem Paar unter dem großen Regenschirm herüber. So
gebrochen die Frau auch wirkt, meinem Blick weicht sie energisch
aus. Ich hätte nicht gedacht, dass etwas noch kälter sein
konnte, als der Wind, der mir um die Ohren bläst.
Der Mann durchbohrt mich mit seinem eisigen Blick, als
müsste mein Herz nicht schon genug Leid ertragen. Ich bin
die einzige, die nicht zu ihnen geht, um ihnen das Beileid auszusprechen.
Ohne ein Wort zu sagen, oder auch nur zu nicken,
begebe ich mich zum Ausgang.

Vor dem schmiedeeisernen Tor bleibe ich kurz stehen. Bereits
vor Beginn der Trauerfeier sind mir die zwei Männer aufgefallen,
die vergebens Schutz unter der kahlen Linde suchten.
Mittlerweile müssen sie bis auf die Knochen durchnässt sein.
Dennoch warten sie weiter. So lange, bis ich mich in die entgegengesetzte
Richtung begebe. Erst jetzt laufen sie mir nach.
Bevor mich einer von ihnen ansprechen kann, ergreife ich das
Wort:
„Ich habe gehört, Sie waren dort.“
„Ja.“ Er sieht dabei überrascht seinen Begleiter an, als würde
er ihn fragen wollen, woher ich weiß, wer er ist. Unter anderen
Umständen hätte ich ihm vielleicht meine Gabe erklärt, mir Gesichter
gut zu merken. Egal ob aus der Schulzeit, oder Zeitungsartikeln.
„Ich war mit meinem Hund spazieren, als ich zufällig an der
Stelle vorbeikam …“
Ich springe ihm ins Wort:
„Ich würde gerne Näheres erfahren.“


Seite 20 aus dem Krimi Oneiroi – Dämonen der Nacht von Zoe Zander.