Seite 20: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

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Raus mit der Sprache, welche Art von Beziehung hattet ihr?“ Uwe hatte sich von seinem
Umzugskarton erhoben und tigerte in seiner gelben Cordhose angriffslustig
vor mir auf und ab.
„Beziehung? Welche Beziehung? Ich habe Marie nur ein einziges
Mal wiedergesehen. Zufällig. In der Stadt. Sie hat mich gar nicht
erkannt, und ich sie um ein Haar auch nicht.“
Erleichtert ließ sich Uwe wieder auf den Karton plumpsen.
„Vermutlich, weil sie noch hübscher geworden war als damals!
Habe ich recht?“ Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche.
„Von wegen hübsch! Mich traf beinahe der Schlag! Ihr süßes,
unschuldiges Gesicht war mit Schminke zugekleistert, ihre lustigen
blonden Zöpfe zu einer Haarsprayfrisur aufgedonnert, und,
was das Schlimmste war: Sie trug ein Leopardenfell aus Plastik,
das nach billigem Parfüm stank.“
Uwe sackte in sich zusammen. „Ich wusste, dass ihr Peter nicht
guttut. Doch das ist nicht mehr meine Sache. Nun kann ich endlich
Ruhe finden.“ Dann dachte er einen Augenblick nach. „Nur:
Was ist der Sinn von alledem? Warum musste ich altes Grautier
so lange den Kinder-Gefühlen nachjagen? Reichlich kindisch,
oder?“
„Ja, reichlich kindisch! Jedoch nur, wenn du mit kindisch
meinst, dass wir nie unsere Kindheit vergessen dürfen! Nie, nie,
nie! Wie sollen wir denn sonst die heutigen Kinder verstehen? Wie
sollen wir denn sonst uns selbst verstehen?“
Uwe prostete mir zu. „Der große Häuptling der Apachen spricht
weise Worte. Aber wird er ihnen auch Taten folgen lassen? Raus
mit der Sprache: In wen warst du verliebt?“
Ich zögerte einen Moment. „Winnetou war nicht verliebt,
Winnetou hat nur geschwärmt!“
Uwe schaute mich ratlos an.
„Na, für unseren Klassenlehrer. Seine Pädagogik hat mich nie
wieder losgelassen, nur seinetwegen bin ich Lehrer geworden.“
Doch das interessierte Uwe nicht. „Keine Unterschrift von damals?
Keine einzige?“ Er raufte sich die Haare. Dann wankte er
zu einem alten Schrank. „Hier, damit mein Blutsbruder auch ein
Autogramm hat!“


Seite 20 aus der Benefiz-Anthologie Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens. Herausgegeben von Christian Oelemann und mit farbigen, ganzseitigen Grafiken von Malte Roß.

Informationen zu den beitragenden Autoren gibt es auf der Webseite des Buchs.