Seite 20: Projekt Melancholia

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„Nein, ich habe sie heute noch gar nicht gesehen. Ihr wird doch hoffentlich nichts zugestoßen sein!“
Schon war Josts Unbehagen dieser Frau gegenüber etwas verflogen, weil sie scheinbar seine Sorge teilte. Er wollte so etwas sagen wie: ‚Nun machen Sie sich mal keine Gedanken, ich werde sie schon finden‘, da änderte sie ihm seine Meinung.
„Wir wollen ja schließlich nicht noch ein totes Kind hier.“
Typisch Eva, dachte Jost. So sensibel wie eine Panzerfaust!
„Niemand will, dass irgendjemand tot ist!“, versetzte er scharf, wandte sich ab und ging hastig weiter.
„Aber ich meinte …“, fing sie noch an, doch er ließ sie stehen.
Ausgerechnet daran musste sie ihn jetzt erinnern! Er hatte sich ja bisher nur erst mal Sorgen gemacht, aber sie musste natürlich gleich den Teufel an die Wand malen!
Ein totes Kind! Noch ein totes Kind!
Bianca Tristis hieß das kleine Mädchen, das letzten Monat in aller Stille und auf Wunsch der Familie ohne Trauerfeier vom Pfarrer beerdigt worden war.
Die Erinnerung daran machte Jost Angst, obwohl es in Bezug auf Leilas Verschwinden eigentlich keinen Grund dazu gab, denn Bianca hatte Selbstmord begangen. Keiner wusste so richtig, warum.
Gut, sie war nie ein lebenslustiges, glückliches Kind gewesen. Deshalb hatte es kaum jemanden gewundert, als sie sich in den letzten Wochen vor ihrem Tod nur noch in sich gekehrt und teilnahmslos zeigte.
Mancher hatte sich zwar gefragt, weshalb sie von früh bis spät so traurig zu sein schien, aber man war nicht daran interessiert, der Sache weiter nachzugehen.


Seite 20 aus dem Thriller Projekt Melancholia von Bastian Weinert.