Seite 20: Sei einfach und Du wirst

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Ich war erstaunt, denn wie konnte solch ein vollkommenes
Wesen wie Conrad ein Problem haben? Verwundert
fragte ich: »Was ist denn los?« »Du darfst jetzt nicht über
meine Bitte lachen. Versprich es mir!« Da er nicht locker
ließ, sah ich mich gezwungen, ihm mein Versprechen zu
geben. »Natürlich werde ich nicht lachen. Ich verspreche es
dir«, sagte ich. »Gut, dann bin ich beruhigt. Weißt du, es
mag dumm klingen, aber ich wollte schon immer zu einem
schönen Hengst werden, nur wusste ich nie, wie ich das anstellen
sollte. Und da du so viel weißt, dachte ich mir, dass
ich dich mal frage.«
Ich spürte nur, wie meine Augen immer grösser wurden
und ich nicht wusste, was ich fragen, sagen oder rufen
sollte. Doch er war schneller als ich und sagte: »Kannst du
mein Problem verstehen? Kannst du mir helfen, Vincent?
Es wäre wirklich wichtig für mich, denn ich bin so, wie ich
bin, sehr unglücklich. Und ich weiß genau, wenn ich ein
schöner Hengst wäre, dann wäre alles Glück auf dieser Erde
meins. Dann würden mich alle lieben und achten. Es wäre
nicht so wie jetzt, wo mich keiner bemerkt.«
Ich schwieg – aber nicht, weil ich es so wollte, sondern
weil ich ganz einfach keine Antwort wusste. Was sollte ich
einem wundervollen Hengst, der ein Hengst werden wollte,
antworten?
Ich war ein Esel, der zu einem Pferd werden wollte. Mein
Problem leuchtete mir ein, aber Conrads Bitte verstand ich
genauso wenig wie früher die Worte meines Vaters. Damals
verstand ich nicht, wie ich etwas anderes hätte sein können
als ein Esel, heute verstand ich nicht, wie Conrad zu etwas
werden wollte, das er schon war.
Oder – wusste er vielleicht nicht, was er war? Eigentlich
hätte ich ihn fragen sollen, was er zu sein glaubte, doch ich
hatte nicht den nötigen Mut dazu. Stellen Sie sich mal vor,
wie ich wohl hätte reagieren sollen, wenn er sich für einen
Elefanten oder Tiger gehalten hätte?


Sei einfach und Du wirst: Sei einfach und Du wirst von Susanna M. Farkas.