Seite 20: Übertragene Nähe

Seite 20

Gegen diese Fesseln könnten sie nichts unternehmen. Es wäre schließlich seine Aufgabe, sie zu befreien. Dafür wäre er da, würde er bezahlt werden, das erwarteten sie von ihm. Er soll ihnen seine Kunst vorführen, seinen Zauberkasten auspacken und sie retten aus den Fängen der Anderen. Aber würden sie dadurch nicht in seine Fänge geraten?
Darüber denken sie normalerweise nicht nach, wenn sie beginnen, ihn einzuspannen, ihn einzufangen mit ihren Forderungen, mit ihren Wünschen und mit ihrem Hass, wenn er sie nicht rettet, sie nicht befreit, wenn er stattdessen ihre Fesseln bewundert und ihnen mitteilt, diese seien zu schön, um sie abzulegen, und Seiltanz sei nicht für jeden die geeignete Disziplin; wenn er ihnen das größte Geheimnis verrät, nämlich dass es keine Trickkiste gibt, dass ihre Hoffnung vergebens ist, dass er sie enttäuschen muss, dass sie sich irren, seine Macht genauso überschätzen würden, wie sie ihre eigene Macht unterschätzen, dass sie es bei ihm mit einem zu tun hätten, der sie gelegentlich provoziert und irritiert und sie dazu auffordert, ihre Fesseln selbst zu lösen oder aber ein behagliches, bequemes Leben in Fesseln zu führen. Warum die Fesseln auch loswerden wollen? Sie geben so einen wohligen Halt, so eine vertraute Sicherheit. Warum sich auf Seile schwingen, wenn es sich mit gekrümmtem Rücken und gesenktem Blick wesentlich einfacher leben lässt?


Seite 20 aus dem Buch Übertragene Nähe von sara reichelt.
Übertragene Nähe sara reichelt