Seite 20: Wellengeflüster I

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Er wandte sich von der Reling ab und ging Richtung Kabine.
Währenddessen kam der andere Mann zu Jessica hinunter
und die zwei begannen zu tanzen. Ich ärgerte mich in
Grund und Boden und klinkte mich aus, als die beiden an
der Heck-Bar noch zu später Stunde den Abend bei einem
Drink ausklingen ließen.
Am nächsten Tag fand die Rettungsübung statt. Wie ich
in Erfahrung bringen konnte, hatten Tim und Jessica die
gleiche Musterstation zur Übung, das hieß, die Chance,
sich zu begegnen, war groß. Endlich kamen sie hinauf
nach Deck sieben. Tim sah wieder genervt aus und Jessica
schien einen leichten Kater zu haben, denn sie sah blass
aus und schwankte leicht. Aufgeregt und hinter einer großen
Sonnenbrille verschanzt, tuschelte sie die ganze Zeit
mit ihrer Freundin. Endlich standen sie nah genug beieinander.
Kein Wunder, die Passagiere wurden in Reihen
zusammengefasst und mussten sich an die Schiffswand
drängeln. Ich spannte meinen Bogen, da ertönte Tims
Handy und er ging zum Missfallen der übungsleitenden
Crew aus der Reihe. Auf dem Pool-Deck tobte im Anschluss
an die Übung ein bayerischer Frühschoppen mit Freibier.
Ich hatte nichts davon, der große Boss war am Telefon. Er
wollte wissen, wie es lief und ich versuchte glaubhaft zu
versichern, dass die Lage entspannt wäre. Von wegen! Ich
entdeckte Jessica nach dem Telefonat wieder an der Seite
dieses Mannes von gestern Abend. Ich umflog die zwei
und scannte ihn in meinen Computer ein. Das Ergebnis
gestaltete sich niederschmetternd. Er, Uwe, kam ebenfalls
aus Berlin, war geschieden und hatte drei Kinder! Jessica,
die mit Kindern nichts anfangen konnte, strahlte ihn ahnungslos
an. Na klar, der Pfeil ging zwar nicht ins Herz,
aber er hatte sie gestreift und ich wusste um die intensive
Wirkung. Tim war nirgends nicht zu sehen.


Seite 20 aus dem Kreuzfahrer-Buch Wellengeflüster I – Neunzehn Seegänge mit Brina Stein von Brina Stein.