Seite 20: Winterwunderzauber

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„Ich denke nicht nur an mein Leid“, schrie es
plötzlich aus ihm hinaus. „Ich denke an meine
Großmutter und an meine Geschwister. Was soll
aus uns werden, wenn meine Mutter nicht mehr
bei uns ist? Ich habe solche Angst. Ich liebe sie so
sehr. Ich dachte, ich würde alles für sie tun, und
jetzt weiß ich gar nichts mehr.“
Michael fühlte sich hin und her gerissen.
Abermals stiegen die Tränen in seine Augen. Er
fühlte sich als Versager. Als Nichtsnutz. Er konnte
jetzt seiner Mutter das Leben schenken, und
doch konnte er es nicht.
Die Paillettenfledermaus blickte stumm auf den
Jungen hinab, der so sehr mit sich selber kämpfte,
und sagte nach einiger Zeit: „Erzähl mir von ihr,
erzähl mir alles, woran du dich erinnerst.“
Michael sammelte sich und fing dann an zu
erzählen. Er sprach von früher, als seine Mutter
ihm auf ihrem Schoß Geschichten von weiten und
fernen Ländern erzählte. Wie sie ihn früh lehrte,
zu lesen und zu schreiben, wie sie Michael und
seinen Geschwistern Heilsalbe auf die Knie und
Ellenbogen schmierte, wenn sie sich beim Toben
verletzten und wie sie ihnen die Stirn küsste,
wenn sie Kopfschmerzen hatten. Er beschrieb der
Fledermaus die Lieder, die seine Mutter sang, für


Seite 20 aus dem Buch Winterwunderzauber von Stephanie Urbat-Jarren.

Winterwunderzauber