Seite 20: Yaron

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Den ganzen Heimweg über hatte sie die Tüten vor ihren Augen
und die Erinnerungen an die hilfsbereite Nachbarin und
die kleine Rosinenkönigin in sich. Das alles weckte in ihr ein
Gefühl der Großzügigkeit. Und aus dieser Regung heraus beschloss
sie, die beiden Tüten am nächsten Morgen noch einmal
um einige Cent zu reduzieren.
Yolande war es also, die zuerst auf Yaron aufmerksam wurde.
Damals kamen täglich viele Kinder in ihren Laden. Hätte Yaron
nicht derart panisch reagiert, wäre er wohl einer unter diesen
vielen geblieben. Vielleicht hätte sie sich noch eine Zeit lang an
die Farbe seiner Haare erinnert, die man zumindest in unseren
Breitengraden nur selten sieht. Nach und nach, als ich mit Yolande
über diese erste Begegnung sprach, musste sie einräumen,
dass sein Verhalten wohl der Auslöser für ihr Interesse, aber nicht
der eigentliche Grund gewesen war. Es waren seine ganze Erscheinung,
seine Bewegungen und sein Gesichtsausdruck gewesen.
„Weißt du“, sagte sie zu mir, „wie er so vor mir stand, machte er
den Eindruck, er gehöre nicht in unsere Zeit. Er lockte so viele Erinnerungen
an meine Kindheit hervor. Dennoch brachte ich diese
Erinnerungen nicht sofort mit ihm in Verbindung. Er tat das auf
eine sehr unscheinbare Art und Weise. Erst später wurde mir das
klar.“
Yolandes ganzes Hoffen an diesem Freitagabend konzentrierte
sich auf den nächsten Morgen, auf die Möglichkeit, dass sie den
Jungen durch ihre Super-Sonderangebot-Tüten erneut in ihren
Laden locken könnte. Obwohl sie mittlerweile überzeugt war,
nichts falsch gemacht zu haben, lag ihr viel daran, dem Jungen
etwas Gutes zu tun.
Es gab allerdings einen Haken an der Sache. Yolande wollte
dabei sein, wenn der Junge kam. Die Samstage verbrachte sie
aber schon längere Zeit nicht mehr in ihrem Geschäft. Das hatte
sich so ergeben, als sie einmal eine Erkältung auskurieren musste
und ihren Freund Oskar bat, den Samstagsdienst für sie zu übernehmen.
Oskar bekam Gefallen an diesem Nebenjob, der in völligem
Kontrast zu seinem Künstlerdasein stand, und bat darum,


Seite 20 aus dem Roman Yaron von Elisabeth Wintermantel.

Yaron Elisabeth Wintermantel