Seite 20: Sternschnuppenbraut

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Ich hatte es so satt. Und dann
musste ich noch mit dieser kleinen Ratte in einem Zimmer
schlafen. Wütend drehte ich mich zur Wand und schmollte.

Noch immer hielt ich das Foto in der Hand, auf dem
meine kleine Schwester zu sehen war, wie sie auf meinen
Skiern stand und frech in die Kamera grinste. Ich konnte
das Gefühl wieder spüren, das mich damals wie ein Messerstich
durchfuhr. Das war jetzt fünfunddreißig Jahre her
und ich hatte es tatsächlich vergessen gehabt. Hatte ich es
tatsächlich vergessen oder einfach nur verdrängt gehabt?
In den ganzen Jahren danach gab es noch so viele andere
schmerzhafte Gefühle, die mein Leben aus der Bahn
warfen, dass ich tatsächlich an diese Begebenheit nicht
mehr gedacht hatte. Wie weh mir das alles damals getan
hatte! Wie weh es mir doch immer noch tat. Verwundert
nahm ich dieses Gefühl in mir wahr. Vielleicht sollte ich
doch besser aufhören, die Vergangenheit wecken zu wollen,
wenn das so viele Schmerzen bereitete? Andererseits
zeigte mir dieser Schmerz, dass da ein Teil in mir war,
der noch immer verletzt zu sein schien. Doch was konnte
es schaden, wenn ich diese alten Erinnerungen an die
Oberfläche holte, jetzt, da ich mich auf der Suche befand?


Seite 20 aus dem Buch Sternschnuppenbraut von CLaudia Garrido Luque. Es geht um Depression, Burnout, aber auch um Liebe.

Sternschnuppenbraut