Seite 20: TOM – Eine Knastgeschichte

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Theo hat gesagt, dass das eine Riesensauerei ist. Die schmeißen draußen die Leute raus und lassen ihr Zeug billig im Knast machen. Das geht Tom am Arsch vorbei, Hauptsache die Zeit geht rum und er ist nicht allein auf der Hütte.
Seit ein paar Wochen drechselt er abends in der Schreinerei Kerzenhalter aus Holz. Die sind für den Adventsbasar. Da kommen Leute von draußen und kaufen Sachen, die die Knackis gemacht haben. Für das Geld werden Spiele und Bastelmaterial angeschafft. Micki hat eine Krippe gemacht, mit Maria und Josef und dem Jesuskind. Die soll an dem Tag versteigert werden.
Tom muss lachen. Er erinnert sich, dass er mal bei einem Krippenspiel mitgemacht hat. Ganz stolz hat er auf der Bühne gestanden und hat dem Jesus verkündet: „Ich bringe dir Weihrauch, Möhren und Gold!“ Das mit den Möhren hat er erst später geschnallt, ein bisschen peinlich war das. Die Weigand hätte ja echt mal was sagen können damals. Hat sie aber nicht.
Die Geschichte vom St. Martin hat er total bescheuert gefunden. Da haut der Typ seinen Mantel in der Mitte durch und schenkt die eine Hälfte dem Bettler. Da hat der doch garantiert weitergefroren, der Bettler und der Martin auch, mit dem halben Mantel an. Aber die Weigand hat dann gesagt, dass das ein Gewand gewesen sei. Gewand! Das ist ein großer Umhang oder so. Da hat es vielleicht doch gereicht für beide, wenn sie sich darin eingewickelt haben.
Die könnten hier auch ein bisschen mehr heizen. So ohne Jacke ist die Hütte nicht gerade gemütlich. Das Zellenfenster schließt nicht richtig, da zieht es ganz schön rein. Die Mutter hat mal einen meterlangen Stoffdackel angeschleppt, den hat sie vor die Haustür gelegt, damit die Kälte draußen bleibt.
Im Winter ist er eigentlich ganz gern in die Schule gegangen. Da war es schön warm.


Aus dem Buch TOM – Eine Knastgeschichte von Dorothea Müller.
TOM Eine Knastgeschichte