Seite 20: Viktor im Schattenland – Ein Leseabenteuer gegen Lernstress

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Doch plötzlich stoppte ihn hinter einer Scheune, von Gestrüpp
überwuchert, der scharfe Schatten eines Pfluges. Konnte
diese blöde Krankheit nicht mal in den Ferien Ruhe geben? Egal.
Manche ängstigten sich vor Spinnen, er sich eben vor Schatten.
Beherzt nahm er Anlauf und sprang in einem Satz über die bedrohliche
Fläche. Geschafft, er wollte endlich gesund sein! Der
frische Neuschnee, ungewöhnlich für diese Jahreszeit, knirschte
unter seinen Füßen. Sehnsüchtig schaute er durch die schnurgerade,
schattige Kopfweidenallee zum Meer hinunter. Die von
Efeu umrankten Bäume waren länger nicht beschnitten worden.
Ihre Zweige berührten sich im Wind. Dadurch wirkte die Allee
wie ein abschüssiger Tunnel. In Höhe der Dünenbepflanzung
stieg er wieder an. Dort, an seinem Ausgang, gab er einen faszinierenden
Blick auf die Ostsee frei.
Wie gerne wäre Viktor sofort losgerannt. Aber ohne Aufsicht
durfte er nicht ans Wasser, schon gar nicht in der Dämmerung.
Und Opa war noch unterwegs, während Oma seine erschöpfte
Mutter betreute. Er hasste diese kindischen Verbote.
Täuschten ihn seine Augen, oder leuchtete der schneebedeckte
Strand tatsächlich violett? Das musste er genauer untersuchen;
nur für einen Moment, damit niemand etwas merkte. Doch wie
sollte er die Schattenhaufen überwinden, die durch das Dickicht
der Zweige entstanden waren? Unschlüssig musterte er die pilzigen
Rindenknoten, die ihn in der untergehenden Sonne wie
Gesichter anstarrten.
Da schien ihm eine Weide den Weg zu weisen, die im Entwässerungsgraben
vermoderte. Seltsam, es sah aus, als ob ihre
Äste Richtung Meer winkten. Ein mittlerweile bläulich gefärbtes
Licht schimmerte herüber und gab ihm Vertrauen. Kurz
entschlossen stürmte er los, Sprung für Sprung den Schattenbarrieren
ausweichend, immer stärker getragen von der farbigen
Zuversicht, die ihm durch die düstere Allee entgegenleuchtete.
Am Strand traute Viktor seinen Augen nicht. In der tief
stehenden, gelben Sonne glitzerte ein Meer aus blauen Schatten.
Trotz des Schnees strahlten sie eine wohlige Wärme aus.


Seite 20 aus dem Buch Viktor im Schattenland – Ein Leseabenteuer gegen Lernstress. Auch für Erwachsene von Gerd Haehnel.

Viktor im Schattenland