Zitiert: Dumme Gedanken

Marie sah mich in einer Weise erwartungsvoll an, als müsse sie im nächsten Moment entweder in Gelächter oder in Tränen ausbrechen, das war nicht zu unterscheiden gewesen in diesem Moment, und sie sagte, ganz langsam, jedes Wort einzeln betonend, „als wir uns noch gesiezt haben, war es leichter, Robert!“, und ich sagte, „ja, das finde ich auch“, denn in der Tat hatte ich zwar auf den Moment gewartet, wann wir uns endlich duzen würden, aber da es nun in einer Stimmung dazu gekommen war, die mir nicht gefiel, da es ausgerechnet in Walters Beisein dazu gekommen war, hatte ich meine Mühe mit dem du, und Marie schlug vor, indem sie jedes Wort einzeln betonte „lass uns wieder zum Sie zurückkehren; vielleicht klappt es dann besser!“ Ich verstand nicht gleich, „was klappt dann besser?“, und sie antwortete, „ich weiß es doch auch nicht!“, jetzt wieder im normalen Sprachrhythmus, und ich sagte, „das musst du, oder soll ich jetzt wieder Sie sagen, aber wissen!“, und sie entgegnete, „ich weiß es aber wirklich nicht, Robert!“ In diesem Moment konnte ich mich ein weiteres Mal nicht beherrschen. Immer wieder brachte mich Marie in Situationen, in denen ich mich nicht beherrschen konnte. Immerhin war es am Vortag zu einer andersartigen Unbeherrschtheit gekommen, die ich mir nicht zugetraut hatte, nämlich, als ich ich liebe Sie gesagt hatte, ganz gegen mein Naturell, ganz im Gegensatz zu meinem Eindruck, den ich jahrelang, jahrzehntelang, ein Leben lang von mir gehabt hatte. Ich bog meinen Kopf zu Maries Gesicht hinüber und hauchte, „ich muss dich jetzt küssen!“ Es ist geradezu absurd, ich gebe es zu, ich habe mir aus Küssen nie etwas gemacht, spätestens mit der von mir sogenannten Kussgeschichte, die ich Marie am Vorabend beinahe erzählt hätte, war Küssen für mich etwas Kompromittierendes geworden. Ich hatte den Gedanken an Küsse, zumindest auf meine Person bezogen, längst zu den Akten gelegt, wie man sagt; noch weit vor dem Gedanken an eine Brustbefassung oder an ein Beieinanderliegen in vermehrungssymbolischer Absicht. Marie veränderte ihre Physiognomie erstaunlicherweise nicht, sie behielt ihre Fassung, und ich sagte, „die Frage ist jetzt lediglich, ob ich dich küssen darf!“, und sie sagte, „ich weiß nicht, ob du das darfst“, und dann war es ihr Mund, der sich auf meinen presste, letztendlich war es, wie bereits mehrere Male zuvor, ihre Initiative, die unseren Kuss bewerkstelligte. Ich öffnete vorsichtig meine Lippen, und sie fuhr mit ihrer Zunge in meinen leicht geöffneten Mund. Das Erste, was ich dachte, war Speckpfannkuchen; der Geschmack von Everts Speckpfannkuchen haftete an Maries Zunge und Gaumen; ich hatte in meiner Unbedarftheit nicht in Betracht gezogen, dass ein Kuss auch ein Austausch von gehabten Mahlzeiten ist. Aber es machte mir nichts aus. Selbst wenn ich Speckpfannkuchen verabscheut hätte, was durchaus nicht der Fall war, hätte ich Maries Zunge und Gaumen wie nichts anderes in der Welt genossen, und Marie bohrte mir ihre wunderbare Zunge nun ganz tief in meinen Mund und kitzelte meinen allenfalls nach Bier schmeckenden Gaumen. Ich überlegte, wie erwidere ich das, was habe ich nun zu tun? Es ist schon jämmerlich, dass du nicht einmal küssen kannst, dachte ich, es ist peinlich, dass du nicht einmal weißt, wie man einen solchen Kuss zum Abschluss bringt, und ich hoffte, Marie würde ihre Zunge bald eigeninitiativ zurückziehen. Gleichzeitig hoffte ich allerdings, dass sie ihre Zunge nie mehr zurückzöge, denn das Gefühl ihrer Zunge in meinem Mund war andererseits auch wieder grandios, es war ein Geschlechtsakt, wie ich dachte, eine Penetration!, und ich spürte, dass ich eine Erektion bekam und dachte, auch das noch! Interessanterweise weiß ich nicht anzugeben, wie lange dieser Kuss, mein im Grunde erster Kuss, tatsächlich dauerte; mir kam es lang vor. Er dauerte jedoch mit einiger Sicherheit nicht so lang, wie er mir in der Erinnerung erscheint. Ich küsste jedenfalls ihre Nasenspitze, als Marie ihre Zunge aus meinem Mund zurücknahm, vermutlich, weil sie das gleiche Problem hatte wie ich, nämlich den während des Küssens im Mund angesammelten Speichel irgendwann doch einmal schlucken zu müssen, ich weiß noch, ich dachte am Schluss nur noch, ich muss schlucken, wusste aber nicht wie, ohne Maries Zunge zu verdrängen. Ich sagte, ohne mir zu überlegen, ob es im Moment angebracht war, „danke“, aber es richtete keinen Schaden an, denn Marie sagte, „ganz meinerseits!“, und ich dachte, dann ist es ja gut.


Aus dem Roman Dumme Gedanken von dem Wuppertaler Autor Christian Oelemann.

Dumme Gedanken Christian Oelemann