Zitiert: Geschichten aus dem Duden

Der Versuch, einen Riegel vor meine Gedanken zu schieben und zu schlafen, war zum Scheitern verurteilt. Ich wusste genau, dass ich in dieser liegenden Position keinen Schlaf finden würde. Vielleicht war ich zu müde dazu. Vielleicht hatten die Gedanken an Arndt mich wütend gemacht. Ich lag mit geschlossenen Augen und atmete ruhig.
‚Wie Grünberg zu Anfang des sechsten Kapitels‘, dachte ich, nach Arndts Willen sollte ich das ja komplett ändern.
Grünberg liegt in einem Zug und kann nicht schlafen. Er fügt sich in das Schicksal dieser Nacht und bedenkt die hohe Qualität seines Lebens. Schule, Ausbildung, erste Liebe, all diese Gedanken, die manchmal nachts auftauchen, man weiß gar nicht woher, die sich im Kopf festsetzen und nur sehr schwer wieder zu vertreiben sind.
Der Zug bremste ab und kam kurz darauf zum Stehen. Keine Lautsprecherdurchsage. Türen öffneten sich, Reisende stiegen ein oder aus, heftiges Zuschlagen der Türen, Abfahrt.
Da kommt diese Frau in Grünbergs Abteil. Er merkt sofort, dass es eine Frau ist, er weiß den Grund nicht. Die Frau ist leise, will den vermeintlichen Schläfer nicht stören. Sitzt da und tut nichts, legt sich dann hin.
Die Abteiltür wurde kaum bemerkbar geöffnet, jemand kam hinein und schloss die Tür sehr rücksichtsvoll. Nach wenigen Sekunden wusste ich, dass es eine Frau war; es war der Geruch. Natürlich der Geruch, dachte ich, ich Blödmann! Ich hatte es Grünberg nicht wissen lassen, weil mir zu diesem Thema nichts eingefallen war. So riechen Frauen, kein Mann duftet so, herbfrisch, erotischkühl, warmheiß.
Irgendein Kleidungsstück wurde in einer Ecke abgelegt, vielleicht, um als Kopfkissen benutzt zu werden, dumpfe Geräusche verrieten mir, dass die Frau die Armlehnen hochgeklappt hatte. Ohne weiteren Laut legte sie sich hin. Der Zug eilte nach Norden.
Plötzlich war ich hellwach, die Gedanken überschlugen sich, das Herz klopfte laut, sein regelmäßiges Pumpgeräusch war mir unangenehm in den Ohren, meine Hände waren angespannt. Warum legt sie sich ausgerechnet in dieses Abteil? dachte ich. Mindestens die Hälfte der Abteile ist leer und sie könnte dort ungestört die Nacht verbringen. Hier musste sie zumindest damit rechnen, dass ich ein unangenehmer Schnarcher sein oder auf andere Art und Weise ihre Nachtruhe stören könnte. Oder hatte sie vielleicht Angst? Hatte sie sich bewusst in ein bereits belegtes Abteil begeben? Ich lag mit dem Gesicht zur Trennwand; es mochte also sein, dass sie meinen Zopf gesehen und mich im Dunkel für eine Frau gehalten hatte. Vielleicht ahnte sie gar nicht, dass ein Mann mit ihr dieses Abteil belegte? Vielleicht hasste sie Männer. Oder sie hatte Furcht vor ihnen. Oder alles war ganz anders: Sie war mutig, ängstigte sich nicht vor Tod und Teufel, vor Männern schon einmal gar nicht und es war ihr vollkommen gleichgültig, wo und mit wem sie die Nacht verbrachte. Womöglich war sie eine Geschäftsreisende und hatte gleich mir den letzten Intercity verpasst.
Grünberg ist deftiger. Er dreht sich ziemlich schnell auf die andere Seite, so dass er die Frau ansehen könnte, wenn er die Augen öffnen würde. Aber er macht sich einen Spaß daraus, sie geschlossen zu halten. Er spielt mit den Fantasien in seinem Kopf und lässt so eine ihm angenehme Schönheit entstehen: jung, dunkelhaarig, schlank, vollbusig, großäugig, lächelnd.
Ich lauschte auf ihre Atemzüge, atmete selbst mit offenem Mund, um durch die Geräusche des eigenen Atmens nicht abgelenkt zu werden. Nein, da war nichts, nur die Geräusche des Schnellzugs, der durch die Nacht nach Norden brauste. Vielleicht, dachte ich, hat sie ebenfalls den Mund geöffnet und will hören, ob und wie ich atme.
Der Würstchenkaffeedosenbiermann kam zurück; schob seinen Wagen vor sich her, dem Ende des Zuges entgegen. Er rief nun nichts mehr, hatte vielleicht alles oder nichts verkauft, seine kleine Glocke hing irgendwo an seinem Verkaufswagen und gab erstickte Laute von sich.
‚Ich zähle bis drei‘, dachte ich, ‚dann drehe ich mich um‘. Meine Mundhöhle war trocken geworden, ich hatte Durst. Ich hätte auch etwas zu essen vertragen können; drei Kekse hatte ich bei Arndt zu mir genommen, damit der grauenhafte Kaffee einigermaßen genießbar wurde, danach nichts mehr. EINS! Irgendwo wurde gelacht, laut und dreckig. ZWEI! Ich hielt den Atem an.
DREI!
Ich rührte mich nicht, blieb unbeweglich einfach liegen. Die Luft im Abteil wurde mir lästig, kein Hauch war feststellbar, das Fenster war geschlossen. Der Zug passierte eine Weiche, der Waggon bewegte sich leicht auf eine Seite. Mein Orientierungssinn spielte nicht mehr mit. ‚Wo sind wir?‘ überlegte ich, ‚Irgendwo zwischen Dortmund und Münster, oder erst vor Dortmund, in Hagen?‘
Der Zug wurde abgebremst, kurz darauf hielt er an, ein Lautsprecher plärrte nicht zu verstehende Wortbrocken, dann „Sie haben Anschluss …“, also ein größerer Bahnhof, Dortmund vielleicht, kein Öffnen und Schließen der Türen, sinnlos der Hinweis auf weitere Reisemöglichkeiten. Ist sowieso eine Stimme vom Band, dachte ich, dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Mein Orientierungssinn blieb verschollen, ich hatte das Gefühl, wir führen nach Süden.
Um die Realität wiederzugewinnen, räusperte ich mich kurz und halblaut. Nichts geschah, alles blieb unverändert.
Mutig geworden drehte ich mich in einer einzigen fließenden Bewegung um; es klang, als entstiege ein Alligator dem Wasserloch, unwirklich, schabend.
Grünberg ist dreist, schon immer gewesen. Die größten Erfolge bei Frauen hat er durch die direkte Methode feiern können. Wenn ihm eine Frau gefällt, fragt er sie auf den Kopf zu, ob sie nicht Lust habe zu einem kleinen Fick. Oder wie es mit Ficken wäre. Er liebt das Wort, er benutzt es oft und gerne, ohne nennenswerte Schäden davonzutragen. Noch nie hat er eine Ohrfeige oder Schlimmeres hinnehmen müssen, die meisten Frauen geben vor, nichts gehört zu haben und schauen bewusst gelangweilt irgendwohin. Grünberg vertritt die Auffassung, bei Nennung dieses Wortes sei ein Erfolg eher wahrscheinlich, da die Frauen auf der Stelle vergeilten. Und er stellt sich bildhaft vor, wie er die Frau, die eine Armlänge von ihm entfernt liegt, auf eben diese Weise anspricht. Er öffnet die Augen, sieht aber in der herrschenden Dunkelheit nur ihren Hinterkopf, mit halblangen Haaren unbestimmbarer Farbe. Der Zug fährt durch einen Bahnhof, die Lichter bescheinen den Kopf der dunkelblonden Frau.
‚Und so einen Text soll ich ändern?‘, dachte ich, ‚Die Szene ist atmosphärisch, sensibel und frech zu gleichen Teilen. Ich werde alles so belassen. Sollte Arndt es nicht nehmen wollen – nun, es gibt noch andere Verlage.‘
Ich malte ein Bild der mir Gegenüberliegenden auf meine innere Leinwand: helles Haar, grüne Augen, schlank, aber nicht dünn, schöner voller Busen, lächelnd. ‚Sollte ich sie ansprechen? Und wenn ja, wie? Grünberg hat es leicht, er ist ein Produkt meines Gehirns. Solche Wörter wie er würde ich nie über die Lippen bringen, zumindest nicht, wenn eine Frau in der Nähe sein könnte. Wahrscheinlich war mein Leben auch deshalb so arm an Abenteuern.‘


Aus der Kurzgeschichtensammlung Geschichten aus dem Duden von Peter Klohs.

Dumme Gedanken Christian Oelemann